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M-COOL

Autorenbild: Daniel Kneubühl
Daniel Kneubühl
vor 11 Minuten
5 Min. Lesezeit

Date 2 mit meiner Leica M

Flugzeuge habe ich schon unzählige Male fotografiert. Mit langen Brennweiten natürlich. Mit meinen schnellen Nikon-Kameras. Beim Start, bei der Landung, in der Luft. Möglichst nah, möglichst scharf, möglichst perfekt.


Die Fliegerei war für mich allerdings nie nur ein Fotomotiv. Ich habe mit 18 Jahren mein Pilotenbrevet PPL gemacht. Flugplätze, Flugzeuge und alles, was damit zusammenhängt, lösen deshalb bis heute etwas in mir aus. Für mein zweites Date mit meiner Leica M EV1 wollte ich genau dorthin.

Zum Flughafen Bern-Belp.


Aber dieses Mal sollte es nicht darum gehen, Flugzeuge so zu fotografieren, wie ich es normalerweise tun würde.


Flughafen Bern-Belp
Ein sonniger Nachmittag am Flughafen Bern-Belp. Klein, überschaubar - und mit den Alpen vor der Haustür

Nur 35 Millimeter

Die Regeln meines kleinen Experiments blieben dieselben.

Meine Leica M EV1.

Das Summilux-M 35 mm.

Keine zweite Kamera. Kein Teleobjektiv. Kein Sicherheitsnetz.


35 Millimeter sind für klassische Flugzeugfotografie eigentlich ziemlich unpraktisch.

Ein startendes Flugzeug am anderen Ende der Piste? Viel zu weit weg. Ein Flugzeug im Anflug? Viel zu klein. Details einer Maschine auf dem Vorfeld? Auch dafür wäre ein Teleobjektiv wesentlich einfacher.

Aber vielleicht war genau das der Punkt.

Ich wollte an diesem Nachmittag nicht dokumentieren, welches Flugzeug gerade in Bern stand.

Ich wollte herausfinden, was passiert, wenn ich nicht einfach näher heranzoomen kann.


Cessna Citation CJ1 - D-IKMO auf dem Flughafen Bern-Belp
Mit 35mm Millimetern bleibt das Flugzeug Teil seiner Umgebung. Und plötzlich gehört die Umgebung genauso zur Geschichte wie die Maschine selbst.

Dieses Bild mag ich gerade deshalb. Mit einem Tele hätte ich wahrscheinlich versucht, die Maschine grösser ins Bild zu bekommen. Mit dem 35er bleibt Platz. Für das Vorfeld. Für die Linien. Für die Landschaft. Und vielleicht sogar für ein wenig von diesem Gefühl, das ich habe, wenn ich auf einem Flugplatz stehe.


Fliegen, ohne ein Flugzeug zu fotografieren

Nach einer Weile begann ich, mich umzusehen.

Da war dieser Windsack. Darunter eine kugelförmige Konstruktion, Zäune, Metall, Licht und ein beinahe wolkenloser Himmel. Kein Flugzeug. Und trotzdem erzählt das Bild für mich sofort von einem Flugplatz.


Windsack am Flughafen Bern-Belp
Manchmal braucht es kein Flugzeug, um von der Fliegerei zu erzählen.

Wind. Richtung. Warten. Vielleicht sogar ein wenig von dieser besonderen Spannung, die ich bis heute empfinde, wenn ich irgendwo auf einem Flugplatz stehe.


Ich musste nicht einmal ein Flugzeug fotografieren, um an die Fliegerei zu denken. Vielleicht beginnt eine Geschichte manchmal schon lange vor dem eigentlichen Motiv.


Und dann stand da M-COOL

Natürlich gab es auch Flugzeuge.

Und eines davon konnte ich unmöglich ignorieren.

Auf dem Vorfeld stand eine kleine Maschine mit einer Registrierung, bei der ich zweimal hinschauen musste:


Cessna Citation M-COOL
M-COOL im Licht – und sein Schatten beinahe so präsent wie das Flugzeug selbst.

Ich musste lachen. Da bin ich mit meiner M unterwegs, um herauszufinden, ob diese Kamera überhaupt noch zu mir passt – und ausgerechnet vor mir steht: M-COOL.


Meine coole M trifft M-COOL.


Manchmal hat Fotografie einen ziemlich guten Sinn für Humor.


Cessna Citation M-COOL
M-COOL – meine coole M trifft auf eine ziemlich coole Cessna. Zufälle gibt’s. 😉

Aber statt die Maschine einfach vollständig abzubilden, begann ich mit Ausschnitten zu spielen.

Das Heck.

Die Typografie.

Der Schatten auf dem Asphalt.

Die Kondensstreifen am Himmel.

Und plötzlich war da nicht mehr einfach nur ein Flugzeug.

Da waren Formen, Flächen und Licht.

Der Schatten gefiel mir beinahe genauso gut wie die Maschine selbst.


Natürlich durfte auch ein Bild entstehen, auf dem M-COOL tatsächlich als Flugzeug zu erkennen ist. Aber selbst hier merke ich, dass mich nicht nur die Maschine interessiert. Da ist die Landschaft dahinter. Der Himmel. Die Schatten. Der Raum. Vielleicht ist genau das die Konsequenz der 35 Millimeter: Ich kann mein Motiv nicht einfach aus seiner Welt herauslösen.


Flughafenidylle Bern-Belp
Der Zaun stört nicht. Er erzählt, von wo aus ich M-COOL beobachtet habe.

Zwei Flughafen-Mitarbeiter

Und dann passierte etwas, das man nicht planen kann. Zwei Mitarbeiter marschierten zügig vor mir vorbei. Hinter ihnen stand M-COOL. Sie kamen von der D-CAFE, aber mehr dazu später. Normalerweise hätte ich vielleicht gewartet, bis sie aus meinem Bild verschwunden wären. Dieses Mal tat ich das Gegenteil. Ich drückte ab.


Zwei Flughafen-Mitarbeiter auf dem Flugvorfeld.
Eigentlich waren sie im Weg. Dann wurden sie zum Bild.

Die beiden Menschen sind leicht verwischt. Das Flugzeug steht ruhig dahinter. Auf dem Asphalt liegen die Schatten des Flugzeugs und des Fahrrads. Und ausgerechnet das, was ein „sauberes“ Flugzeugfoto eigentlich stören würde, macht für mich das Bild.

Die Menschen.

Die Bewegung.

Der kurze Moment.

Vielleicht ist genau das etwas, das ich mit der M gerade neu entdecke:

Nicht auf das perfekte Motiv warten.

Sondern sehen, was gerade passiert.


Ein Blick durch die Dinge

Später stand da noch eine weitere Maschine. D-CAFE.

Auch hier hätte ich versuchen können, eine möglichst freie Sicht darauf zu bekommen. Tat ich aber nicht.


Cessna Citation D-CAFE auf dem Flughafen Bern-Belp
Nicht freie Sicht, sondern mein Blick aus diesem Moment heraus.

Ich liess das Auto unten im Bild. Die Pflanze links. Die Dinge, die zwischen mir und dem Flugzeug standen. Früher hätte ich sie vielleicht als störend empfunden. Heute habe ich das Gefühl, dass gerade sie erzählen, wo ich in diesem Moment stand. Ich beobachtete. Und fotografierte aus meiner Position heraus.


Vielleicht verändert die M meinen Blick

Nach meinem ersten Date mit der M hatte ich geschrieben:

Ich suchte nicht mehr nach Bildern.

Ich begann, sie zu sehen.


Damals sass ich vor einem Glas Simmentaler und fotografierte plötzlich ein Bierglas, einen alten Lederstuhl, Licht und Farben. Heute stand ich auf einem Flughafen. Zwei völlig unterschiedliche Situationen. Und trotzdem entdecke ich langsam etwas Gemeinsames.


Mit meiner Q3 43 hätte ich wahrscheinlich anders fotografiert.

Mit meiner SL3-P und einem Teleobjektiv ganz bestimmt.

Nicht schlechter. Aber anders.


Mit der M kann ich nicht einfach heranzoomen. Mit 35 Millimetern muss ich häufig mehr von der Umgebung zulassen, als ich ursprünglich wollte. Und vielleicht ist es genau das, was mir gerade gefällt. Das Motiv steht nicht mehr allein im Mittelpunkt. Plötzlich interessieren mich auch der Raum darum herum. Ein Schatten auf dem Boden. Ein Mensch, der durchs Bild läuft. Etwas Unscharfes im Vordergrund. Die kleinen Dinge dazwischen.


Date Zwei

Als ich dieses Experiment begann, wollte ich eigentlich herausfinden, ob meine Leica M EV1 bleiben darf. Nach Date Zwei bin ich der Antwort schon etwas näher. Das ist gut so. Und etwas anderes scheint gerade viel interessanter zu werden.

Ich frage mich immer weniger: Wofür brauche ich diese Kamera?

Und immer häufiger: Was macht diese Kamera mit meiner Art zu fotografieren?

Vielleicht ist genau das die Frage, die ich von Anfang an hätte stellen sollen.


Nach einem Bier in Bern und einem Nachmittag am Flughafen Bern-Belp kann ich jedenfalls eines sagen: Meine M und ich lernen uns immer besser kennen. Und dann steht da auch noch M-COOL.

Wenn das kein Zeichen ist. 😉


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