Ein Bier mit meiner Leica M

Date 1 – und die Freude an f/1.4
Ich bin noch nicht ganz verliebt in meine Leica M EV1.
Das ist vielleicht ein etwas seltsamer Satz über eine Kamera, die mich vor ein paar Monaten unbedingt haben wollte. Vor meiner Mini-Weltreise hatte mich die Idee dieser neuen M gepackt. Reduziert. Manuell. Bewusst. Eine Kamera, die nicht alles für mich erledigt und mich dadurch vielleicht wieder etwas langsamer fotografieren lässt.
Genau das faszinierte mich.
Einige Monate später muss ich mir allerdings eingestehen: Ich nehme sie erstaunlich selten mit.
Meine Leica Q3 43? Liebe ich. Sie begleitet mich fast überallhin und fühlt sich inzwischen einfach richtig an. Meine bisher wohl liebste Kamera, noch lieber als die Nikon D850.
Meine Leica SL3-P? Ebenfalls. Sehr. Sie eröffnet mir mit ihren verschiedenen Objektiven eine ganz andere Welt und ist mein Werkzeug, wenn ich fotografisch mehr Möglichkeiten brauche.
Und die M?
Da ist noch etwas Distanz. Nicht weil sie keine fantastische Kamera wäre. Vielleicht eher, weil ich noch nicht herausgefunden habe, welchen Platz sie in meiner Fotografie einnehmen soll.
Also habe ich mir ein kleines Experiment vorgenommen:
"Four Dates with my M"
Vier fotografische Dates.
Nur meine Leica M EV1 und das Summilux-M 35 mm. Keine Q3 als Sicherheit in der Tasche. Kein zweites Objektiv. Und vor allem kein Anspruch, mit möglichst vielen guten Bildern nach Hause zu kommen.
Nach diesen vier Dates möchte ich eine ziemlich einfache Frage beantworten können:
Gehört diese Kamera wirklich zu mir?
Date 1 sollte Street Photography werden
Bern. Eigentlich perfekte Voraussetzungen. Ich wollte durch die Stadt ziehen, Menschen beobachten, Licht und Schatten suchen und ein wenig Street Photography machen.

Und ich hatte mir noch etwas vorgenommen:
f/1.4.
Nicht die klassische Street-Fotografie mit f/8 und grosser Schärfentiefe. Ich wollte mein Summilux einmal wirklich Summilux sein lassen. Mit ganz offener Blende fotografieren, manuell fokussieren und mit einer hauchdünnen Schärfeebene spielen.
Die Idee gefiel mir. Nur hatte ich an diesem Tag ein kleines Problem.
Ich hatte überhaupt keine Lust auf Street Photography.
Ich lief durch Bern und merkte ziemlich schnell, dass ich nichts erzwingen wollte. Keine Menschen jagen. Keine Situationen suchen. Nicht irgendwo stehen und darauf warten, dass jemand im richtigen Augenblick durch mein Bild läuft.
Es fühlte sich einfach nicht richtig an. Also hörte ich auf, fotografieren zu wollen. Und machte etwas viel Naheliegenderes:
Ich ging ein Bier trinken.

Ein Simmentaler, bitte
Ein Simmentaler. Mein Lieblingsbier.
Ich setzte mich hin, stellte die Kamera auf den Tisch und genoss einfach den Moment. Vielleicht hätte Date 1 an dieser Stelle bereits enden können. Ein erfolgloser Fotowalk, dafür ein gutes Bier. Es gibt wahrlich Schlimmeres.
Doch irgendwann schaute ich auf mein Glas.
Dann auf die Farben dahinter.
Türkis. Orange. Braun. Lichtpunkte. Spiegelungen.
Ich nahm die M wieder in die Hand.

f/1.4.
Und plötzlich begann ich zu spielen.
Das Glas stand da und wurde auf einmal zu meinem Motiv. Nicht weil ein Bierglas besonders spektakulär wäre. Sondern weil sich durch das 35er Summilux bei offener Blende die Welt dahinter veränderte.
Aus Stühlen wurden Farbflächen.
Aus kleinen Lampen wurden weiche Lichtkreise.
Aus dem Gastraum wurde ein verschwommener Hintergrund aus Türkis, Orange und warmem Braun.
Und mittendrin mein Simmentaler.
PANIK LINIE
Dann entdeckte ich die kleine Aufschrift auf dem Glas.
PANIK LINIE.
Ich musste schmunzeln.

Also näher ran. Manuell fokussieren. Die Schärfe genau auf diese zwei Wörter legen und alles andere langsam verschwinden lassen.
Klick. Noch einmal etwas anders. Klick.
Plötzlich war ich drin.
Nicht im Bier. Im Fotografieren.
Und das fühlte sich richtig gut an.
Ich begann zu sehen
Nach einer Weile ging es gar nicht mehr um das Bier.
Da war dieser alte Lederstuhl.
Braunes, bereits etwas gezeichnetes Leder. Metallknöpfe. Ein orangefarbenes Bein. Dahinter wieder diese türkisen Stühle.

Eigentlich nichts Besonderes.
Und trotzdem hob ich die Kamera. Durch den Sucher und bei f/1.4 sah die Szene plötzlich anders aus.
Ich fotografierte.
Und genau bei diesem Bild wurde mir etwas bewusst:
Ich suchte nicht mehr nach Bildern.
Ich begann sie zu sehen.
Vielleicht ist es genau das, was mich an diesem Nachmittag so gefreut hat.
Ich musste nichts dokumentieren. Ich musste keinen Ort zeigen. Es gab keine Sehenswürdigkeit, die unbedingt aufs Bild musste, und keine Geschichte, die ich vorher bereits kannte.
Ich konnte einfach schauen.
Und spielen.
Vielleicht habe ich die falsche Aufgabe für meine M gesucht
Als ich später die Bilder betrachtete, musste ich an meine ursprüngliche Idee für dieses erste Date denken.
Street Photography.
Davon war nicht besonders viel übrig geblieben. Und vielleicht ist das gar nicht schlecht. Vielleicht habe ich bisher zu oft darüber nachgedacht, wofür ich meine M brauche.
Für Street?
Für Reisen?
Für bewusste Fotografie?
Als Ergänzung zur Q3?
Dabei könnte die Antwort viel einfacher sein.
Vielleicht muss meine M gar keine bestimmte Aufgabe erfüllen.
Vielleicht ist sie einfach die Kamera für jene Momente, in denen ich Zeit habe. Wenn ich nichts abliefern und nichts dokumentieren muss. Wenn ich stehen bleiben, durch den Sucher schauen und ausprobieren kann.
Eine Kamera für das Fotografieren selbst.
An diesem Nachmittag hat dafür ein halbvolles Bierglas gereicht.

Und die Liebe?
Bin ich jetzt verliebt in meine Leica M EV1? Ja, ein bisschen schon.
Zumindest hat sie mir an diesem Nachmittag gezeigt, weshalb ich sie damals unbedingt haben wollte.
Es war diese Freude am bewussten Fotografieren. Am manuellen Fokussieren. Am Spiel mit einer hauchdünnen Schärfeebene. Und an diesem wunderbaren 35-mm-Summilux bei f/1.4.
Noch weiss ich nicht, ob daraus die grosse Liebe wird. Aber nach diesem ersten Date?
Ein bisschen hat es schon gefunkt. 😉 Und ich freue mich auf Date 2.

