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Die erste Schärfe

  • Autorenbild: Daniel Kneubühl
    Daniel Kneubühl
  • vor 12 Stunden
  • 4 Min. Lesezeit

Ein erster Spaziergang mit der Leica M EV1 – und die Rückkehr zum bewussten Sehen.


Ich war in Bern unterwegs. Eigentlich nichts Besonderes. Die gleichen Gassen, die gleichen Brunnen. Und heute mit tollem Sonnenschein. Und dann war noch etwas anders.


Zum ersten Mal habe ich die Leica M EV1 in der Hand. Der neue Star der M-Serie von Leica. Sie hat einen elektronischen Sucher verbaut. Und löst damit den legendären Messsucher ab, der damals 1954 mit der M3 für die M-Serie eingeführt wurde.


Der elektronische Sucher ist der gleiche, wie bei meiner Leica Q3 43. Mit dem grossen Unterschied: Die Kamera hat keinen Autofokus. Das heisst: ich fokussiere bei jedem Foto manuell. Eine Herausforderung.

Brunnen in Bern
Die Challenge ist geglückt: Mit Blende f/1.4 genau den Ausguss scharf stellen

Es ist ein seltsames Gefühl.

Fast ungewohnt ruhig.


Keine Hektik.

Kein Autofokus, der sofort zugreift.

Kein „schnell noch ein Foto“.


Nur ich. Und dieser Fokusring an diesem wunderschönen 35mm-Objektiv.


Ich bleibe vor einem Brunnen stehen. Das Wasser fliesst, wie es das immer tut. Und ich merke, wie schwierig es ist, die Schärfe wirklich genau dort zu treffen, wo ich sie haben möchte. Ich drehe leicht. Zu weit. Wieder etwas zurück. Und dann – für einen kurzen Moment – sitzt sie. Diese eine Schärfe, wo ich sie genau haben möchte.


Ich kontrolliere das gemachte Bild auf dem Display. Zoome rein. Nein, das geht noch besser. Ich fotografiere noch einmal, spiele mit der Schärfe. Und dann: perfekt, sie sitzt!


Und mein erstes Fazit: Wow, macht das Spass!


Ich mache weiter mit Blende f/1.4, ich liebe es...


Beim Simsonbrunnen


Simsonbrunnen in der Kramgasse
Simsonbrunnen in der Kramgasse

Am Simsonbrunnen bleibe ich stehen. Nicht wegen der ganzen Figur. Nicht wegen der Geschichte dahinter. Nur wegen dieses kleinen Ausgusses. Das Wasser fliesst gleichmässig, fast unbeeindruckt von allem um sich herum.


Ich versuche, die Schärfe zu finden. Nicht am Brunnen. Nicht am Hintergrund. Genau dort, wo das Wasser beginnt. Es ist schwieriger, als ich gedacht habe. Mein Auge sucht Halt. Ich drehe, bis ich die Schärfe habe.


Der Hintergrund löst sich auf. Die Figur wird weich, fast bedeutungslos. Alles tritt zurück. Nur dieser eine Punkt bleibt.


Ich merke, wie mich genau das fasziniert. Nicht das Offensichtliche. Nicht das Ganze. Sondern dieses kleine, unscheinbare Detail –das erst durch meine Entscheidung sichtbar wird. Vielleicht ist genau das die Leica M EV 1. Sie zeigt mir nicht einfach die Welt. Sie fragt mich, wo ich hinschauen will.



Beim Zähringerbrunnen


Zähringerbrunnen und Zytglogge in Bern
Zähringerbrunnen in der Kramgasse

Ein paar Schritte weiter. Der Zähringer-brunnen. Und dahinter – der Zytglogge. DAS Wahrzeichen in Bern, so viele Touristen hat es da immer zur vollen Uhrzeit. Aber - zugegeben - es ist auch ein Spektakel.


Aber nun zurück zum Brunnen. Ich richte meinen Blick nach vorne. Auf diesen kleinen Drachenkopf, den Ausguss. Auf das Wasser, das sich löst, fällt, verschwindet.


Die Uhr im Hintergrund wird weich. Fast unwichtig. Ich drehe am Fokusring. Ganz langsam. Der Moment entsteht vorne. Ganz nah. Menschen bewegen sich durch das Bild. Unscharf. Flüchtig. Wie Gedanken, die kommen und gehen.






Pfeiferbrunnen in der Spitalgasse


Ein Stück weiter, in der Spitalgasse. Der Pfeiferbrunnen. Diesmal ist es nicht nur das Wasser, das mich hält. Es ist die Farbe. Dieses warme Rot im Hintergrund, fast wie eine Bühne für das, was vorne passiert. Ich gehe näher. Sehr nah.



Pfeiferbrunnen Spitalgasse Bern
Pfeiferbrunnen in der Spitalgasse


Pfeiferbrunnen in der Spitalgasse

Der Ausguss wird zum Mittelpunkt. Alles dahinter beginnt zu verschwimmen.


Ich drehe am Fokusring. Langsam. Suchend. Das Wasser bewegt sich ständig. Es entzieht sich der Kontrolle. Und genau das macht es so spannend.


Für einen kurzen Moment trifft sich alles. Metall. Licht. Bewegung. Und ich sehe es.

Der Hintergrund löst sich vollständig auf. Die Figur wird nur noch angedeutet. Die Farbe bleibt – wie ein Gefühl, nicht wie ein Ort.


Ich merke, wie sehr mich das fasziniert.

Nicht das Ganze zu zeigen. Sondern einen Ausschnitt zu wählen, der mehr erzählt als das Offensichtliche. Vielleicht ist genau das mein Weg mit der Leica M EV1.


Weniger zeigen. Mehr spüren.




Ein Moment zu spät – oder genau richtig


Ein Tram hält beim Pfeiferbrunnen. Ich drehe mich zur rechten Seite und sehe mein Spiegelbild im Fenster. Ein kurzer Gedanke: Das wäre ein Bild!


Ich hebe die Kamera. Beginne zu drehen. Suche die Schärfe. Langsam. Zu langsam.


Das Tram setzt sich bereits wieder in Bewegung. Der Moment gleitet davon.

Ich bin noch nicht bereit. Denke ich. Und drücke trotzdem ab.


Im Bruchteil einer Sekunde passiert etwas Unerwartetes. Zwei Passagiere schauen zu mir. Und zeigen mir den Daumen nach oben. Ich muss lächeln. Nicht alles ist perfekt. Nicht alles ist scharf. Nicht alles ist geplant. Aber genau das macht diesen Moment aus. Vielleicht ist die Leica M EV1 genau das. Nicht immer bereit sein. Nicht immer perfekt sein. Aber trotzdem abdrücken.


Und manchmal… bekommt man ein stilles „Daumen hoch“ zurück.


Tram in der Spitalgasse vor dem Globus in Bern

Ich habe heute nicht nur fotografiert. Ich habe gesucht, gezögert, ab und zu verpasst – und viel gefunden. Die Leica M EV1 macht alles bewusster. Und sie ist gestochen scharf, brillant, genial!


Ich stehe am Anfang meiner Erfahrungen mit der Leica M EV1 und der bewussten manuellen Fokussierung. Und genau das fühlt sich richtig an.


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