Auf dem Dach

Eigentlich wollte ich nur unsere neue PV-Anlage fotografieren.
Am Freitag war es endlich so weit. Unsere neue Photovoltaikanlage ging erstmals in Betrieb. Nach Planung, Installation und all den Arbeiten auf dem Dach produzieren wir nun unseren eigenen Strom.
Natürlich wollte ich mir das anschauen. Also stieg ich am Sonntag aufs Dach. Und natürlich nahm ich eine Kamera mit.
Meine Leica M EV1 mit dem 35mm Summilux.
Vielleicht ist allein das schon eine kleine Erkenntnis dieser Geschichte. Denn noch vor wenigen Wochen hätte ich mich vermutlich gefragt, welche Kamera für diese Aufgabe wohl am besten geeignet wäre.
Diesmal griff ich einfach zur M.
Eigentlich kein Fotomotiv
Photovoltaikmodule sind zunächst einmal ziemlich unspektakulär.
Dunkle Rechtecke. Metallrahmen. Kabel. Halterungen.
Technik eben.
Ich machte zuerst ein paar Bilder, die zeigten, was da nun auf unserem Dach steht. Aber ziemlich schnell merkte ich, dass mich etwas anderes interessierte. Die Sonne spiegelte sich auf den Modulen. Die dunklen Flächen nahmen das Blau des Himmels auf. Dazwischen entstanden silberne Linien, geometrische Formen und kleine Lichtreflexe.
Ich ging näher heran.
Und plötzlich fotografierte ich keine PV-Anlage mehr.
Ich fotografierte Flächen, Linien und Licht.

Vielleicht ist genau das etwas, was ich mit der M gerade neu entdecke. Nicht unbedingt nach einem Motiv zu suchen. Sondern lange genug hinzuschauen, bis eines entsteht.
Ein paar Schritte nach links
Ich lief zwischen den Modulen herum.
Mal ging ich etwas tiefer. Mal näher heran. Ich schaute entlang der Kanten und durch die Zwischenräume. Das 35mm Summilux zwang mich dabei zu etwas, das ich inzwischen sehr mag:
Mich zu bewegen.
Kein Zoom.
Wenn ich einen anderen Ausschnitt wollte, musste ich selbst einen Schritt machen. Manchmal auch zwei. Und manchmal stellte ich nach diesen zwei Schritten fest, dass das Bild vorher besser gewesen wäre. Auch das gehört dazu.

Ich musste nichts beweisen. Es gab kein Bild, das ich unbedingt nach Hause bringen musste. Ich konnte einfach schauen. Und spielen.
Das kommt mir irgendwie bekannt vor.
Dann stand plötzlich jemand im Bild
Irgendwann richtete ich die Kamera nach unten. Und da war er. Mein Schatten.
Mit der Kamera vor dem Gesicht und ziemlich unverkennbar mitten auf einem unserer neuen Solarmodule. Ich musste schmunzeln.
Natürlich fotografierte ich ihn.

Das Bild ist technisch vielleicht das unspektakulärste dieser kleinen Serie. Und trotzdem mag ich es besonders. Vielleicht weil es ziemlich genau erzählt, worum es bei diesen vier Dates inzwischen geht.
Da ist die neue PV-Anlage. Da ist die Sonne, die seit Freitag unseren Strom produziert.
Und da stehe ich mit meiner Leica M und fotografiere meinen eigenen Schatten.
Mehr Alltag geht eigentlich kaum.
Und trotzdem ist genau daraus ein Bild entstanden, das ich behalten möchte.
Die kleinen Dinge
Danach wurde mein Blick noch enger.
Eine Halterung. Eine Kante. Ein Übergang zwischen zwei Modulen.
Das Licht auf Metall.
Plötzlich wurden Dinge interessant, an denen ich normalerweise vermutlich vorbeigegangen wäre.

Vielleicht liegt genau hier etwas, das ich an der M langsam zu verstehen beginne.
Sie macht nichts davon automatisch.
Sie sucht mein Motiv nicht.
Sie entscheidet nicht, worauf ich schaue.
Sie zoomt nicht näher heran.
Ich muss es selbst tun.
Und vielleicht schaue ich deshalb manchmal ein bisschen länger.

Date 3
Als ich mit diesen vier Dates begonnen habe, wollte ich eigentlich herausfinden, ob meine Leica M EV1 bei mir bleiben darf. Eine ziemlich nüchterne Frage für eine ziemlich emotionale Kamera.
Nach Date 1 mit meinem Simmentaler hatte es ein wenig gefunkt.
Bei Date 2 am Flughafen Bern-Belp merkte ich, dass ich mit der M sogar einen Ort anders fotografierte, den ich seit vielen Jahren kenne.
Und Date 3? Dafür musste ich nicht einmal irgendwohin fahren.
Ich musste nur aufs eigene Dach steigen.
Vielleicht ist das die schönste Erkenntnis dieses Dates. Ein gutes Fotomotiv muss nicht weit weg sein. Manchmal liegt es direkt vor einem. Oder über einem.
Man muss es nur sehen.
Und die M?
Ich merke, dass sich meine ursprüngliche Frage langsam verändert.
Am Anfang wollte ich wissen:
Wofür brauche ich diese Kamera eigentlich?
Mittlerweile interessiert mich eine andere Frage viel mehr:
Was sehe ich, wenn ich sie dabei habe?
Das ist ein kleiner Unterschied.
Vielleicht aber auch ein ziemlich entscheidender.
Denn gestern nahm ich die M nicht mit aufs Dach, weil ich einen weiteren Test mit ihr machen wollte. Ich nahm sie einfach mit.
Und erst später wurde mir klar:
Das war Date 3.
😉


