Raus aus dem Kopf

Date 4 mit meiner Leica M EV1
Mein viertes Date mit der Leica M begann mit einem Kopf, der eigentlich ganz woanders war.
Ich hatte Lust zu fotografieren. Sehr sogar.
Nur wusste ich nicht, wohin. Mein Kopf war noch voll von der Arbeit. Von Dingen, über die ich eigentlich gerade gar nicht nachdenken wollte. Gleichzeitig spürte ich, dass mir etwas anderes guttun würde.
Raus.
Mabel mitnehmen.
In den Wald gehen.
Und die Leica M dabei.
Mehr Plan gab es nicht.
Und vielleicht war genau das der richtige Plan.
Nicht suchen
Für dieses vierte und letzte Date hatte ich mir nur eine kleine Regel vorgenommen:
Wenn etwas meine Aufmerksamkeit weckt, nicht sofort fotografieren.
Erst stehen bleiben.
Schauen.
Und mich fragen, was mich gerade dazu gebracht hat, hinzusehen.
Das Licht? Eine Farbe? Eine Form? Ein Schatten?
Oder einfach etwas, das ich gar nicht erklären kann?
Dann erst die Kamera ans Auge nehmen. Das klingt nach einer ziemlich simplen Übung.
Vielleicht ist es das auch.

Im Wald war das Licht wunderschön. Zwischen den Bäumen entstanden immer wieder kleine helle Inseln. Für einen Moment stand Mabel genau in einer davon.
Ich blieb stehen.
Schaute.
Fokussierte.
Klick.
Kein Serienbild. Kein Augen-Autofokus. Kein Versuch, Mabel perfekt zu inszenieren.
Nur dieser eine Moment.
Ein bisschen Licht
Ein paar Schritte später blieb mein Blick an einem Zweig hängen.
Eigentlich vollkommen unspektakulär.
Aber durch die Baumkronen fiel ein schmaler Streifen Sonnenlicht genau darauf. Der Hintergrund verschwand beinahe vollständig im Dunkeln.
Also blieb ich wieder stehen.

Früher hätte ich vielleicht gedacht:
Ist das überhaupt ein Bild?
Heute stellte ich mir diese Frage nicht.
Ich hatte hingeschaut.
Das genügte.
Meine Begleiterin
Natürlich war Mabel nicht wegen meines Leica-Experiments im Wald. Für sie war es einfach ein Spaziergang. Schnüffeln. Schauen. Warten. Weitergehen. Und zwischendurch kontrollieren, ob ich eigentlich noch hinter ihr herkomme.

Sie ist mittlerweile ein fester Teil meiner Spaziergänge. Und vielleicht deshalb auch ein immer wichtigerer Teil meiner Fotografie. Nicht weil ich ständig schöne Hundeporträts von ihr machen möchte. Sondern weil sie da ist.
Mitten in meinem Leben.
Und damit irgendwann zwangsläufig auch mitten in meinen Bildern.
Kleine Entdeckungen
Je länger wir unterwegs waren, desto weniger dachte ich darüber nach, was ich fotografieren könnte.
Da waren ein paar Brombeeren.
Noch nicht ganz reif.
Ein bisschen Licht fiel darauf.
Ich ging näher heran.

Mit dem 35mm Summilux muss ich dafür selbst näherkommen.
Kein Zoom.
Also einen Schritt.
Noch einen.
Manuell fokussieren.
Und plötzlich gibt es für einen kurzen Moment nur noch diese paar kleinen Beeren, etwas Licht und diese hauchdünne Ebene, auf der die Schärfe liegt. Ich mag solche Momente inzwischen sehr. Vielleicht gerade deshalb, weil sie langsam sind.
Schatten auf einem Baum
Dann wieder etwas, das eigentlich gar kein Motiv ist.
Ein Baumstamm.
Ein paar Blätter.
Sonne.
Und ihre Schatten auf der Rinde.

Ich weiss nicht, ob ich dieses Bild mit einer anderen Kamera gemacht hätte. Nicht weil die Leica etwas kann, was meine anderen Kameras nicht können. Natürlich können sie das. Vielleicht hätte ich einfach nicht hingesehen. Dieser Gedanke begleitet mich inzwischen immer häufiger.
Mabel hat andere Prioritäten
Während ich Licht und Schatten betrachtete, hatte Mabel längst etwas viel Interessanteres entdeckt.
Ein Stück Holz.
Natürlich.

Sie stand da, Stock quer im Maul, und schaute mich an. Wieder fiel das Licht durch die Bäume auf ihr Gesicht. Diesmal musste ich nicht lange überlegen.
Manuell fokussieren.
Klick.
Und weiter.
So einfach kann Fotografie manchmal sein.
Ein gelber Pfeil
Kurz vor dem Ende unseres Spaziergangs noch einmal Farbe.
Ein gelber Pfeil auf einem Baum.
Nicht schön.
Nicht spektakulär.
Nicht einmal besonders geheimnisvoll.
Aber zwischen all den Braun- und Grüntönen des Waldes konnte ich ihn unmöglich übersehen.
[Bild: gelber Pfeil]

Also fotografierte ich ihn. Vielleicht ist genau dieses Bild ein ziemlich passender Abschluss für Date 4.
Ein Pfeil.
Weiter.
Date 4
Als ich losging, war mein Kopf noch bei der Arbeit. Als ich zurückkam, war nicht plötzlich alles verschwunden. So funktioniert das Leben nicht. Aber dazwischen gab es eine Zeit, in der andere Dinge wichtiger waren.
Mabel.
Der Wald.
Ein Sonnenstrahl auf einem Zweig.
Ein paar Brombeeren.
Schatten auf einer Baumrinde.
Ein gelber Pfeil.
Und meine Leica M.
Das war genug.
Vier Dates später
Vor einigen Wochen begann ich dieses kleine Experiment aus einem ziemlich nüchternen Grund. Ich besass eine wunderschöne Leica M EV1. Vielleicht etwas zu schnell gekauft und ich benutzte sie kaum.
Also wollte ich herausfinden, ob diese Kamera überhaupt zu mir passt. Vier Dates sollten mir bei dieser Entscheidung helfen. Heute, beim vierten Date, passierte etwas, das vielleicht die deutlichste Antwort überhaupt ist.
Ich dachte kaum noch über die Kamera nach.
Sie hing an meiner Schulter. Wenn ich etwas sah, nahm ich sie in die Hand.
Ich fokussierte.
Fotografierte.
Und ging weiter.
Die Kamera, deren Existenz ich vor wenigen Wochen noch hinterfragt hatte, musste sich plötzlich nicht mehr rechtfertigen. Sie war einfach da. Und ich wollte sie dabeihaben. Vielleicht ist das alles, was ich nach vier Dates wissen muss.
Beim ersten Date schrieb ich einen Satz:
Ich suchte nicht mehr nach Bildern.Ich begann, sie zu sehen.
Damals sass ich vor einem Glas Bier.
Heute war ich mit Mabel im Wald. Und langsam glaube ich zu verstehen, dass dieser Satz gar nicht nur von diesem ersten Date handelte. Vielleicht beschreibt er vielmehr, was meine Leica M gerade mit meiner Fotografie macht.
Ich schaue genauer hin.
Und vielleicht war genau das der Grund, weshalb ich diese vier Dates gebraucht habe.
❤️


