Mitten im Rennen – ein Sommertag auf dem Bielersee
- Daniel Kneubühl

- vor 6 Stunden
- 5 Min. Lesezeit
Es gibt Fotoeinsätze, bei denen ich schon vorher ziemlich genau weiss, welche Bilder ich nach Hause bringen möchte. Und dann gibt es jene Tage, an denen ich mich einfach auf das einlasse, was vor mir passiert. Danke für den tollen Fotoauftrag Kanuclub Biel Magglingen!
Dieser Samstag auf dem Bielersee gehörte eindeutig zur zweiten Sorte.
Ein SUP- und Kajakrennen über die Halbmarathondistanz. Sportlerinnen und Sportler, die sich Kilometer um Kilometer über den See arbeiten. Ein Fischerboot, ein Rennleiter, ein Fischer am Steuer – und ich mit meinen beiden Kameras und mittendrin.
Eigentlich perfekte Voraussetzungen für einen Fotografen.
Noch ist der See ganz ruhig
Am Morgen zeigt sich der Bielersee von seiner friedlichen Seite. Das Wasser ist ruhig, beinahe glatt. Nur die Kajaks ziehen ihre Linien durch die Oberfläche und hinterlassen für einen kurzen Moment ihre Spuren.
Es ist schönes Sommerwetter. Sehr schönes sogar.
Bis gegen Mittag sollen es rund 35 Grad werden. Zum Glück ziehen immer wieder leichte Wolken über den Himmel. Sie nehmen der Sonne etwas von ihrer Kraft und sorgen gleichzeitig für ein wunderbar weiches Licht.
Für mich als Fotografen hätte es kaum besser sein können.
Ich habe meine Leica Q3 43 dabei und meine Nikon Z7 mit dem 70–200 mm. Eigentlich hätte heute meine neue Leica SL3-P ihren ersten richtigen Sporteinsatz erleben sollen. Doch sie lässt noch auf sich warten – und so darf die bewährte Nikon noch einmal zeigen, was sie kann. Zwei völlig unterschiedliche Kameras für zwei unterschiedliche Arten, diesen Tag festzuhalten.
Die Leica für die Geschichte.
Die Nikon für die Action.
Zumindest ist das der Plan.
Mein Logenplatz schwimmt
Während die Teilnehmenden ihre Halbmarathondistanz absolvieren, verbringe ich die ganze Zeit auf einem Fischerboot. Mit mir an Bord ist einer der Rennleiter. Während ich durch den Sucher schaue, beobachtet er das Rennen aus einer ganz anderen Perspektive. Für ihn geht es darum, den Überblick zu behalten und darauf zu achten, dass draussen auf dem See alles seinen richtigen Lauf nimmt.
Und dann ist da natürlich unser Fischer. Er hat an diesem Tag eine für mich ziemlich wichtige Aufgabe: Er bringt mich dorthin, wo die Bilder entstehen.
Mal möchte ich näher an die Rennstrecke. Mal etwas voraus. Dann wieder seitlich zu einem Kajak oder in eine Position, aus der die Sportlerinnen und Sportler direkt auf mich zukommen. Ich sage, was ich mir vorstelle – und er steuert das Boot entsprechend. Ein wunderbarer Luxus.
Denn plötzlich kann ich nicht nur darauf warten, dass ein Motiv zu mir kommt. Ich kann mich selbst bewegen, Perspektiven suchen und versuchen, vorauszuahnen, wo in wenigen Augenblicken ein Bild entstehen könnte.
Natürlich hat die Sache einen kleinen Haken: Mein Fotostudio schwankt.
Durch den Sucher
Mit dem 70–200 mm hole ich die Fahrerinnen und Fahrer zu mir heran.
Und erst durch den Sucher erkenne ich, wie viel in diesem scheinbar einfachen Bewegungsablauf steckt.
Das Paddel taucht ins Wasser. Der Oberkörper dreht sich. Die Arme ziehen. Das Kajak beschleunigt. Das Paddel verlässt das Wasser wieder und für einen winzigen Moment stehen unzählige Tropfen in der Luft.
Dann beginnt alles von vorne.
Immer wieder.
Kilometer um Kilometer.
Ich versuche, genau diese Augenblicke einzufangen. Nicht einfach einen Menschen in einem Kajak, sondern die Kraft, die Konzentration und den Rhythmus.
Manchmal ist es der Gesichtsausdruck.
Manchmal das Paddel im perfekten Winkel.
Manchmal sind es nur die Wassertropfen, die für den Bruchteil einer Sekunde in der Luft schweben.
Das Schöne an der Sportfotografie ist für mich genau das: Ein Augenblick, den unser Auge kaum wahrnehmen kann, wird durch die Kamera plötzlich sichtbar.

Der See verändert sich
Im Laufe des Vormittags verändert sich die Stimmung.
Der anfangs so ruhige Bielersee bekommt Struktur.
Ein leichter Wind kommt auf. Erst kaum spürbar, dann zunehmend sichtbar auf der Wasseroberfläche. Kleine Wellen entstehen und plötzlich sehen auch die Bilder anders aus.
Das Rennen bekommt dadurch seine eigene Dramaturgie.
Was am Morgen beinahe leicht und spielerisch aussieht, wirkt nun anstrengender. Die Kajaks bewegen sich nicht mehr einfach durch ruhiges Wasser. Die Sportlerinnen und Sportler müssen arbeiten.
Und genau das sieht man ihnen an.
Ich mag solche Veränderungen.
Vielleicht, weil sie eine Geschichte erst interessant machen. Wäre während des ganzen Rennens alles gleich geblieben – derselbe See, dasselbe Licht, dieselben Bedingungen –, wären vermutlich auch die Bilder irgendwann ähnlich geworden.
So aber verändert sich mit dem Wetter auch meine Fotografie.
Ich beginne anders zu schauen.
Nah dran – und trotzdem Beobachter
Während ich auf dem Fischerboot sitze, wird mir wieder einmal bewusst, was ich an der Fotografie so liebe.
Ich kann ganz nah an einem Geschehen sein, ohne selbst Teil davon sein zu müssen.
Die Sportler kämpfen gegen die Distanz, gegen die Wärme, gegen den Wind und wahrscheinlich irgendwann auch ein wenig gegen sich selbst.
Ich dagegen sitze mit meiner Kamera da und beobachte.
Ich suche.
Ich warte.
Und manchmal weiss ich schon beim Drücken des Auslösers: Das könnte eines dieser Bilder sein.
Nicht weil es technisch perfekt ist.
Sondern weil darin etwas von diesem Tag steckt.
Die Anstrengung eines Fahrers. Die Konzentration einer Sportlerin. Das Wasser, das vom Paddel fliegt. Die Weite des Bielersees. Vielleicht auch einfach dieser wunderbare Sommertag.
Ein ziemlich schöner Arbeitsplatz
Gegen Mittag ist es heiss geworden. Richtig heiss.
Die angekündigten 35 Grad sind nicht weit entfernt. Doch dank der leichten Bewölkung fühlt sich die Hitze auf dem Wasser weniger dominant an, als ich befürchtet hatte. Dazu kommt der Fahrtwind, wenn unser Fischer das Boot wieder in die nächste Position bringt.
Ich sitze da, zwei Kameras neben mir, vor mir der Bielersee und rundherum Menschen, die gerade etwas leisten, für das ich grossen Respekt habe.
Ein Kajak-Halbmarathon wäre vermutlich nicht meine bevorzugte Art, einen Samstagvormittag zu verbringen. Ihn zu fotografieren hingegen schon. Sehr sogar.
Und irgendwann denke ich:
Es gibt wirklich schlechtere Arbeitsplätze als ein Fischerboot mitten auf dem Bielersee.
Was bleibt
Viele Bilder. Genau genommen fast 2000. Daraus die "Richtigen" zu wählen: wahrlich keine einfache Aufgabe. Und dann gibt es jene, bei denen ich etwas länger hängen bleibe: Sie sind gelungen.
Aber eigentlich bleibt noch etwas anderes: Die Erinnerung daran, für einige Stunden mitten in einer kleinen Welt gewesen zu sein, die sonst nicht meine ist.
An die Ruhe des Sees am Morgen.
An den Wind, der später aufkam.
An das Geräusch des Wassers am Boot.
An die Sportlerinnen und Sportler, die happy und unbeirrt ihre Kilometer zurücklegten.
An unseren Fischer, der sein Boot geduldig immer wieder so positionierte, wie ich es mir für meine Bilder wünschte.
Und an dieses besondere Gefühl, das ich beim Fotografieren immer wieder habe: dieses Glück, eine solche Leidenschaft ausüben zu dürfen.

Du möchtest auch Bilder von deinem Sportevent? Dann melde dich doch bei mir!



















