Mabel besucht Gruyères
- Daniel Kneubühl

- vor 2 Tagen
- 5 Min. Lesezeit
Eigentlich wollten wir nur nach Gruyères...
Manchmal beginnt ein Ausflug ganz anders als geplant.
Unser Ziel an diesem Sonntag war eigentlich Gruyères. Mabel war dabei, und über meiner Schulter hing die Leica SL3-P. Ich hatte Bilder von alten Gassen, Pflastersteinen und dem Schloss im Kopf. Doch noch bevor wir überhaupt oben im mittelalterlichen Städtchen ankamen, wurde ich von etwas ganz anderem abgelenkt.
Flugzeuge. Und nicht irgendwelche.
Auf dem Flugplatz La Gruyère in Epagny fand an diesem Wochenende gerade die Rencontre Internationale d’Oldtimers 2026 statt. Historische Flugzeuge, alte Motoren und Maschinen aus einer Zeit, in der Fliegen noch viel unmittelbarer gewesen sein muss. Die Veranstaltung findet nur in grösseren Abständen statt und will genau dieses fliegerische Kulturgut bewahren und erlebbar machen.
Für jemanden wie mich war damit natürlich klar: Da mussten wir hin.
Plötzlich stand ich vor alten Doppeldeckern, offenen Cockpits, Sternmotoren und Instrumenten, bei denen mir vieles vertraut vorkam und die trotzdem aus einer ganz anderen Epoche des Fliegens stammen.
Und dann flogen sie.
Nicht als Museumsstücke hinter Absperrbändern, sondern dort, wo Flugzeuge hingehören: in der Luft. Tatsächlich war der Flugplatz für das Wochenende für den normalen Verkehr geschlossen; für die Vorführungen war ein eigener Bereich bis 6’000 Fuss eingerichtet worden.
Besonders schön fand ich diesen Kontrast: die alten Maschinen vor der Kulisse der Freiburger Voralpen – und gleich dahinter, fast ein wenig unwirklich, das Schloss Gruyères auf seinem Hügel.
So wurde aus unserem geplanten Fotoausflug nach Gruyères eine kleine Reise in eine andere Welt.
Ein ungeplanter Zwischenhalt. Und wahrscheinlich gerade deshalb einer dieser Momente, an die man sich später besonders gerne erinnert.
Aber nun zuerst ab nach Gruyères...
Auf vier Pfoten durch Gruyères
Vor unserem ungeplanten Abstecher in die Welt der alten Flugzeuge ging es aber zuerst hinauf nach Gruyères.
Ich hatte mir dafür eine kleine fotografische Aufgabe vorgenommen: Gruyères nicht einfach als Sehenswürdigkeit zu fotografieren. Mabel sollte uns durch die Geschichte führen.

Also ging ich mit der Leica immer wieder runter auf ihre Augenhöhe. Plötzlich wurden die Pflastersteine gross, die Häuser ragten hinter ihr auf und die vertrauten Ansichten des mittelalterlichen Städtchens bekamen eine ganz andere Perspektive.
Mabel interessierte das alles natürlich herzlich wenig.
Für sie bestand Gruyères nicht aus mittelalterlicher Architektur, historischen Fassaden oder schönen Fotomotiven. Ihre Welt lag ungefähr zwanzig Zentimeter über dem Boden. Da gab es Gerüche zu untersuchen, Ecken zu kontrollieren und immer wieder etwas, das ihre Aufmerksamkeit auf sich zog.
Und genau das wollte ich fotografieren.
Mal lief sie vor uns durch die Gassen. Mal blieb sie stehen und schaute zurück. Mal verschwand ihre Nase irgendwo am Rand eines Weges. Und zwischendurch gab es diesen typischen Mabel-Blick, bei dem ich nie ganz sicher bin, ob sie gerade etwas entdeckt hat – oder sich wundert, weshalb ich schon wieder mit dieser schwarzen Kamera vor ihr auf dem Boden liege.
So wurde aus einem Spaziergang durch Gruyères ganz nebenbei eine kleine Geschichte.
Nicht über Gruyères allein. Sondern darüber, wie wir Gruyères gemeinsam erlebt haben.
Und vielleicht sind es am Ende genau diese Bilder, die mir einmal mehr bedeuten werden als die perfekte Ansicht des Schlosses.
Allein durch acht Jahrhunderte
Am Eingang zum Schloss trennten sich unsere Wege für eine Weile. Hunde dürfen nicht hinein, also blieben Marianne und Mabel draussen, während ich mich alleine auf den Weg durch das Château de Gruyères machte.
Vielleicht war das gar nicht schlecht. Denn nach dem lebhaften Spaziergang mit Mabel wurde es plötzlich ruhig.
Und alt.
Sehr alt.
Das Schloss Gruyères wird 1244 erstmals in historischen Quellen erwähnt. Errichtet wurde es im 13. Jahrhundert als Hauptresidenz der Grafen von Greyerz, einer der bedeutenden Adelsfamilien der mittelalterlichen Westschweiz. Ursprünglich war es eine wehrhafte Anlage nach dem sogenannten «Carré savoyard», einem fast quadratischen Festungstyp des Hauses Savoyen, dessen Vasallen die Grafen von Greyerz waren.
Im 15. Jahrhundert begann sich das Gesicht der Burg zu verändern. Unter Graf Ludwig wurde aus der mittelalterlichen Festung zunehmend eine repräsentative Residenz. Steingalerien mit grossen Fenstern entstanden, ein Treppenturm wurde angebaut und in einem ehemaligen Wehrturm eine Kapelle eingerichtet.
Fast fünf Jahrhunderte herrschten die Grafen von hier aus über ein beachtliches Gebiet. Doch ausgerechnet Geld beendete diese lange Epoche. Graf Michael von Greyerz geriet derart in finanzielle Schwierigkeiten, dass seine Güter 1554 von seinen wichtigsten Gläubigern Bern und Freiburg beschlagnahmt wurden. Die beiden Städte teilten das Gebiet unter sich auf.
Danach zogen die Freiburger Landvögte ins Schloss ein. Mehr als fünfzig von ihnen verwalteten zwischen 1555 und 1798 von hier aus die Region, sprachen Recht, verwalteten die Finanzen und erhoben Steuern. Und es gibt eine schöne Verbindung zu einem Produkt, das wir heute untrennbar mit der Region verbinden: In dieser Zeit wurden die Alpweiden erweitert und Produktion und Export des Gruyère-Käses vorangetrieben. Die Käselaibe gelangten über Vevey bis nach Lyon.
Aber der Teil der Geschichte, den ich am spannendsten finde, begann erst viel später.
1849 ersteigerten die Genfer Brüder Jean-François, Antoine und Daniel Bovy das Schloss. Sie machten daraus ihre Sommerresidenz – und gleichzeitig einen Treffpunkt für Künstler, Schriftsteller und Musiker. Ab 1850 entstand hier die erste Künstlerkolonie der Schweiz. Zu ihrem Kreis gehörten auch bekannte Maler wie Jean-Baptiste Camille Corot und Barthélemy Menn. Gemeinsam schufen sie neue Dekorationen für verschiedene Räume des Schlosses.
Und plötzlich versteht man beim Rundgang auch einige der Räume anders.
Die grossen Wandmalereien im Rittersaal beispielsweise wirken mittelalterlich, sind aber Teil dieser späteren künstlerischen Inszenierung: Daniel Bovy und seine Künstlerkolonie interpretierten darin das vermeintliche goldene Zeitalter der Grafen neu – Geschichte vermischt sich ganz bewusst mit Legende.
Vielleicht ist genau das der Reiz dieses Schlosses.
Es ist nicht einfach eine konservierte mittelalterliche Burg. Jede Generation hat etwas hinterlassen: die Grafen, die Freiburger Landvögte, die Künstlerfamilien Bovy und Balland.
1938 kaufte der Kanton Freiburg das Schloss zurück; seit 1939 ist es öffentlich zugänglich. Dafür bin ich dankbar, denn es hat mich sehr beeindruckt; auch wenn ich nicht das erste Mal in meinem Leben dieses Schloss besuchte.
Ich ging mit meiner Leica von Raum zu Raum und fotografierte weniger einzelne Gegenstände als vielmehr diese Spuren der verschiedenen Zeiten: einen alten Kamin, einen Wandteppich, ein farbiges Fenster, ein Bett mit Baldachin, den Flügel in einem Salon.
Auf einer schönen Terrasse im Städtchen wurde ich freudig erwartet.
Farbe zwischen alten Mauern
Bevor ich das Schloss wieder verliess, machte ich noch einen kleinen Umweg durch den Garten.
Nach den eher dunklen Räumen des Schlosses wirkte er beinahe wie ein Gegenentwurf: kräftige Farben, warmes Sonnenlicht und überall Dahlien vor den alten Mauern.
Ich wechselte vom Dokumentieren wieder zum spielerischen Fotografieren. Nicht das Schloss stand für einen Moment im Mittelpunkt, sondern einzelne Blüten, Licht und Farbe. Besonders reizvoll fand ich den Gegensatz zwischen den weichen Formen der Blumen und der jahrhundertealten Architektur im Hintergrund.
Ein paar Minuten nur. Dann machte ich mich wieder auf den Weg zu Marianne und Mabel.
Wieder mitten im Leben
Als ich das Schloss verliess, hatte sich Gruyères verändert.
Am Morgen konnten wir noch beinahe gemütlich durch die Gassen schlendern. Inzwischen schienen sich gefühlte tausend Menschen durch dieses kleine Städtchen zu bewegen. Stimmen, Kameras, Kinder, viele Reisegruppen – Gruyères war endgültig erwacht.
Und als wäre die Kulisse nicht schon schweizerisch genug, trat mitten im Ort eine Alphorngruppe auf, begleitet von Fahnenschwingern. Alphörner, Schweizer Fahnen, alte Häuser und darüber dieser wolkenlose blaue Himmel – fast ein wenig zu perfekt, um wahr zu sein.
Aber irgendwie passte es.
Ich setzte mich auf Augenhöhe mit den Alphörnern und fotografierte nicht die ganze Szenerie, sondern suchte wieder nach Ausschnitten: die langen Linien der Instrumente über dem Pflaster, die Menschen nur noch unscharf im Hintergrund. Und natürlich die Schweizer Fahnen, die im Wind über den Dächern von Gruyères wehten.
Nach Schloss, Garten und inzwischen ziemlich vielen Menschen war dann allerdings etwas anderes wichtiger.
Das gab Durst. Und so landete vor mir ein kühles Le Fou du Roy.
Manchmal braucht eine Geschichte eben kein grosses Finale. Manchmal reicht ein Bier.












































