Zwischen Marktständen und stillen Momenten
- Daniel Kneubühl

- 22. Mai
- 5 Min. Lesezeit
Bonzur Moris, nou ankor la 🌴
Ein Tag zu Fuss durch Port Louis
Heute war der Tag in mehrfacher Hinsicht eine kleine Herausforderung. Nicht wegen der Hitze. Nicht wegen der vielen Menschen. Sondern wegen meiner Kamera. Ich habe heute bewusst ausschliesslich mit der Leica M EV1 fotografiert. Manuell. Langsamer. Konzentration statt Schnappschuss. Sehen statt einfach auslösen.
Und genau das macht diese Kamera gleichzeitig faszinierend und anspruchsvoll.
Gerade auf einem lebendigen Markt, mitten zwischen Menschen, Farben, Gerüchen und Bewegung, ist das Fotografieren mit manuellem Fokus manchmal fast wie ein kleiner Tanz. Der Moment ist da — und im nächsten Augenblick schon wieder verschwunden. Man muss ruhiger werden. Geduldiger. Aufmerksamer.
Aber vielleicht passt genau das zu Mauritius. Denn dieser Tag wollte nicht einfach konsumiert werden. Er wollte bewusst erlebt werden.

Unser Reiseprogramm hatte sich zuvor ohnehin unerwartet verändert. Wegen eines technischen Defekts mussten an der Oceania Regatta die Stabilisatoren repariert werden. Dadurch können wir La Réunion 🇷🇪 und später auch Mozambique 🇲🇿 leider nicht anlaufen.
Natürlich ist so etwas im ersten Moment sehr enttäuschend. Gerade auf einer solchen Reise freut man sich auf jeden einzelnen Ort. Und trotzdem gehört wohl genau das auch zum Reisen dazu: Pläne ändern sich. Das Meer bestimmt manchmal mit. ⚓️
Für uns bedeutete es vor allem eines: zwei zusätzliche Tage auf Mauritius.
Und so machten wir uns heute zu Fuss auf den Weg durch Port Louis.
Nicht mit grossem Programm, nicht mit einer langen Liste von Sehenswürdigkeiten. Einfach losgehen. Schauen. Riechen. Spüren. Die Stadt aufnehmen, so wie sie sich uns zeigt.
Die Waterfront
Wir starteten an der schönen Waterfront. Dort wirkt Port Louis fast ein wenig aufgeräumt, offen, freundlich. Das Wasser, die Boote, die Cafés, die kolonial angehauchten Fassaden, das Licht über dem Hafen. Ein angenehmer Beginn. Ein Ort, an dem man kurz stehen bleibt, tief durchatmet und merkt: Wir sind auf Mauritius.

Mitten in der Waterfront schweben plötzlich hunderte gelbe Schirme über unseren Köpfen.
Sie spenden Schatten in der tropischen Wärme — und gleichzeitig bringen sie etwas Leichtes, Fröhliches und fast Spielerisches in die Stadt. Zwischen Palmen, kolonialen Fassaden und dem tiefblauen Himmel wirkt diese kleine Gasse beinahe wie ein Kunstwerk aus Licht und Farbe.
Die berühmte Briefmarke
Vor dem alten Post Office blieb ich kurz stehen. Dieses dunkle, historische Gebäude von 1868 trägt viel Geschichte in sich. Und plötzlich erinnerte ich mich daran, dass Mauritius nicht nur für Strände bekannt ist, sondern auch für eine der berühmtesten Briefmarken der Welt — die legendäre „Blue Penny“. Faszinierend, wie selbst eine kleine Briefmarke eine Insel weltberühmt machen kann. ✉️

Der Markt
Von dort gingen wir weiter in Richtung Markt. Und plötzlich wurde die Stadt dichter. Lebendiger. Lauter. Echter.
Die Gemüse-, Früchte- und Gewürzehalle war für mich der Höhepunkt dieses Spaziergangs. Ein kleines Fest für die Sinne.
Überall Farben. Grün, Gelb, Rot, Orange.
Leuchtende Chilis lagen wie kleine Farbexplosionen vor uns. Rot, Orange, Grün, Gelb. Fast schön — bis man sich bewusst wird, wie viel Feuer in diesen kleinen Schoten steckt. 🌶️
Daneben Berge von Gewürzen, Currymischungen und Kräutern. Besonders faszinierte mich ein fast unwirklich grünes Zitrus-Curry. Die Düfte lagen warm und schwer in der Luft. Zitronig, würzig, exotisch. Man meinte plötzlich nicht nur zu sehen, sondern die ganze Markthalle zu riechen. 🌿
Zwischen all den exotischen Früchten entdeckte ich kleine rote Früchte, die zunächst wie Himbeeren wirkten. Ihre Oberfläche glänzte fast surreal im Licht, als wären sie aus kleinen Perlen zusammengesetzt. Solche kleinen Entdeckungen liebe ich auf Reisen. Dinge, die man zuhause kaum kennt — und die plötzlich Teil einer Erinnerung werden. 🍓
Daneben lagen Chayoten — seltsam geformte grüne Gemüse, die fast wie kleine tropische Skulpturen aussahen. Ruhig, weich und irgendwie eigenartig schön zwischen all den intensiven Farben des Marktes.
Auch die Kokosnüsse faszinierten mich. Helle und dunkle. Frische und bereits getrocknete. Rau, faserig und urtümlich wirkten sie zwischen all den Farben fast wie kleine Kunstobjekte der Natur. Mauritius riecht eben nicht nur nach Meer. Sondern auch nach Kokos, Curry und tropischer Wärme. 🥥
Ich liebe solche Orte.
Märkte erzählen oft mehr über ein Land als jedes Museum. Hier sieht man, was gekocht wird. Was wächst. Was riecht. Was Menschen kaufen, tragen, handeln, anbieten.
Hier ist Alltag. Und genau dieser Alltag berührt mich auf Reisen immer wieder besonders.
Jumaah Mosque
Mitten zwischen Marktständen, Stimmen, Gerüchen und dichtem Verkehr tauchte plötzlich die Jumaah Moschee auf. Weiss, ruhig und fast zerbrechlich wirkte sie zwischen all den Häusern und Kabeln der Stadt. Eben noch waren wir mitten im bunten Marktleben — und wenige Schritte später plötzlich an einem Ort der Stille.
Genau diese Gegensätze machen Mauritius spannend.
Chinatown
Chinatown hingegen hat mich weniger begeistert. Es ist klein, und vielleicht hatte ich mir etwas mehr Atmosphäre erhofft. Ein paar Zeichen, ein paar Fassaden, ein Hauch von Fernost — aber für mich sprang der Funke nicht ganz über.
Wichtige Persönlichkeiten
Zurück an der Waterfront wurde Port Louis wieder moderner und aufgeräumter.
An der Waterfront begegnen wir der Statue von Sir Seewoosagur Ramgoolam — dem ersten Premierminister des unabhängigen Mauritius und bis heute einer der wichtigsten Persönlichkeiten der Inselgeschichte.
Mauritius wurde erst 1968 von Grossbritannien unabhängig. Davor war die Insel über Jahrhunderte von verschiedenen Kolonialmächten geprägt — zuerst von den Niederländern, später von Frankreich und schliesslich von den Briten.
Genau deshalb treffen auf Mauritius heute so viele Kulturen, Religionen und Sprachen aufeinander. Indische, afrikanische, chinesische und europäische Einflüsse vermischen sich hier auf kleinstem Raum.
Daneben steht die Statue von Dr. B. R. Ambedkar, einer der bedeutendsten Persönlichkeiten Indiens.
Spätestens dort wurde sichtbar, wie stark Mauritius bis heute von indischen Einflüssen geprägt ist.
Nach der Abschaffung der Sklaverei brachten die Briten im 19. Jahrhundert viele indische Vertragsarbeiter auf die Insel. Viele ihrer Nachfahren leben noch heute hier.
Genau deshalb begegnet man auf Mauritius überall hinduistischen Tempeln, indischer Küche, Gewürzen, Moscheen und einer faszinierenden kulturellen Vielfalt.
Vielleicht macht genau das Port Louis so spannend. Die Stadt wirkt manchmal chaotisch, laut und widersprüchlich — und gleichzeitig unglaublich lebendig und vielfältig. Mauritius ist weit mehr als eine tropische Insel. Es ist ein Zentrum von Kulturen und Geschichten.

Wir setzten uns hin und gönnten uns ein lokales Bier. Einfach sitzen. Schauen. Den Vormittag nachklingen lassen. Das Glas kühl in der Hand, das Wasser in der Nähe, die Stadt hinter uns. 🍺
Und plötzlich fühlte sich diese ungeplante zusätzliche Zeit auf Mauritius gar nicht mehr so schlimm an, obwohl ich es schon sehr bedauere, dass wir zwei Stationen auslassen müssen. Gerade auf La Réunion, eine französische Vulkaninsel, habe ich mich sehr gefreut.
Augenblicke, die weh tun
Was mich auch heute wieder tief berührte, waren die vielen streunenden Hunde.
Man begegnet ihnen immer wieder auf dieser Reise. Auch hier auf Mauritius. Manche liegen einfach still am Strassenrand. Andere laufen suchend durch die Gassen. Und jedes Mal zieht sich in mir etwas zusammen.
Tiere liegen mir unglaublich am Herzen. ❤️ Tief. Vielleicht weil Tiere nie falsch sind. Nie spielen. Nie etwas vortäuschen.
Zum Glück gibt es auf Mauritius auch Organisationen, die sich um den Tierschutz kümmern. Trotzdem bleiben diese Begegnungen bei mir hängen. Oft mehr als manche Sehenswürdigkeit.
Orevwar Moris 🌴
Es war kein perfekter Tag im Postkarten-Sinn. Aber es war ein echter Tag. Ein Tag mit Farben, Düften, Gegensätzen und kleinen Momenten.
Und vielleicht war genau das heute die grösste Erkenntnis: Mit der Leica M EV1 sieht man nicht nur anders. Man erlebt auch bewusster. Einfach eine tolle Kamera!
… und die Reise geht - endlich - gemütlich weiter … 🛳️


















































