Vier Dates mit meiner Leica M EV1

Wie ich aufhörte, sie zu testen – und begann, sie zu lieben
Vor einigen Monaten kaufte ich mir eine Leica M EV1 mit dem Summilux-M 35 mm f/1.4. Ich wollte diese Kamera unbedingt haben. Die Idee dahinter gefiel mir: manuell fokussieren, sich Zeit nehmen, nicht von der Technik fotografieren lassen. Eine Kamera, bei der ich wieder etwas mehr selbst machen musste.
Und natürlich gefiel mir auch die Kamera selbst: Dieses reduzierte Gehäuse. Das Objektiv. Die Haptik. Diese ganze wunderbare Unvernunft, die zu einer Leica M irgendwie dazugehört.
Es war meine luxuriöseste Leica bisher.
Nur gab es ein kleines Problem.
Ich benutzte sie kaum.
Eine ziemlich teure Frage
Meine Q3 43 hatte ihren Platz in meinem fotografischen Leben längst gefunden. Mitnehmen, einschalten, fotografieren. Sie ist unkompliziert und fast immer richtig. Auch bei meiner SL3-P musste ich nicht lange überlegen, wofür ich sie brauche. Andere Objektive, Tele, Mabel, Landschaft, Bewegung – sie eröffnet mir Möglichkeiten.
Nur die M EV1 stand irgendwie daneben.
Ich mochte sie. Sehr sogar.
Aber wenn ich fotografieren ging, griff ich erstaunlich oft zu einer anderen Kamera. Und irgendwann stellte sich zwangsläufig die Frage:
Brauche ich sie überhaupt?
Man könnte daraus eine ziemlich rationale Rechnung machen. Nutzung. Möglichkeiten. Überschneidungen. Wiederverkaufswert. Nur merkte ich schnell, dass mich diese Rechnung nicht weiterbrachte. Denn technisch betrachtet würde die M vermutlich verlieren. Also beschloss ich, etwas anderes zu versuchen.
Vier Dates
Bevor ich meine M verkaufe, wollte ich mit ihr fotografieren. So richtig fotografieren.
Nicht nebenbei noch die Q3 mitnehmen. Nicht nach zehn Minuten denken, dass ein anderes Objektiv jetzt praktischer wäre. Und vor allem nicht versuchen, das Problem durch den Kauf eines weiteren M-Objektivs zu lösen.
Nur meine Leica M EV1 und mein 35mm Summilux.
Viermal. Vier kleine Dates. Danach wollte ich wissen, ob da etwas zwischen uns ist. Mehr Plan gab es eigentlich nicht.
Das erste kleine Funkeln
Das sagt vielleicht schon einiges über mich. 😉

Ich sass da, öffnete mein Summilux auf f/1.4 und begann irgendwann, das zu fotografieren, was gerade vor mir war.
Das Glas. Licht. Farben. Unschärfe. Die kleine PANIK LINIE. Einen alten Lederstuhl. Nichts davon hatte ich geplant. Und genau deshalb machte es plötzlich unglaublich viel Freude. Es entstand an diesem Nachmittag ein Satz, der mich seither begleitet:
Ich suchte nicht mehr nach Bildern.
Ich begann, sie zu sehen.
Noch war ich nicht total verliebt. Aber vielleicht hatte es ein kleines bisschen gefunkt.
Etwas verändert sich
Beim zweiten Date nahm ich die M EV1 mit an einen Ort, den ich sehr gut kenne: den Flughafen Bern-Belp. Mit 35 Millimetern. Keine besonders vernünftige Brennweite für klassische Flugzeugfotografie. Und vielleicht war gerade das entscheidend. Denn ich konnte die Welt rund um ein Flugzeug plötzlich nicht mehr einfach wegzoomen. Da waren Schatten. Menschen. Zäune. Landschaft. Zwei Mitarbeiter, die eigentlich im Weg waren. Und dann diese besondere Cessna, die M-COOL.

Etwas begann sich zu verschieben. Nicht an der Kamera.
Bei mir.
Und dann passierte etwas, das für mein kleines Experiment viel wichtiger war als irgendein gelungenes Bild: Ich nahm die M plötzlich mit, obwohl wir gar kein Date hatten. Nach Thun. Nach Bern. Einfach so.

Ich begann, durch Dinge hindurchzufotografieren. Spiegelungen stehen zu lassen. Menschen nicht zwingend zum Hauptmotiv zu machen. Mit Schärfe und Unschärfe zu spielen.

Und irgendwann bemerkte ich, dass sich diese Bilder ähnelten. Nicht in ihrem Motiv. Sondern darin, wie ich sie sah. Mich interessierte immer häufiger etwas, für das ich inzwischen ein ziemlich passendes Wort gefunden habe:
das Dazwischen.
Die Dinge zwischen mir und dem vermeintlichen Motiv. Vordergründe. Reflexionen. Schatten. Menschen, die durchs Bild laufen. Ebenen, die sich überlagern. Vielleicht hatte die Leica M EV1 begonnen, meine Aufmerksamkeit zu verändern.
Und dann kam unsere neue Photovoltaikanlage. Ich stieg aufs Dach, um sie zu fotografieren. Natürlich nahm ich die M mit.
Erst später fiel mir auf:
Date 3 hatte begonnen, ohne dass ich überhaupt beschlossen hatte, Date 3 zu machen.

Das war wahrscheinlich wichtiger als jedes einzelne Foto dieses Tages. Ich musste mich nicht mehr dazu überreden, die Leica M EV1 mitzunehmen.
Ich wollte sie dabeihaben.
Die Antwort im Wald
Für das vierte Date brauchte ich eigentlich gar keine Aufgabe mehr. Mein Kopf war voll. Also nahm ich Mabel und ging in den Wald. Die Leica M EV1 kam mit.

Ich fotografierte Mabel. Einen Zweig im Licht. Brombeeren. Schatten auf einer Baumrinde.
Einen gelben Pfeil an einem Baum.

Nichts davon war grosse Fotografie. Kein spektakulärer Ort. Kein besonderes Ereignis. Kein Bild, das ich unbedingt machen musste. Und genau deshalb wurde dieser Spaziergang vielleicht zum wichtigsten unserer vier Dates.

Irgendwann fiel mir nämlich etwas auf.
Ich dachte kaum noch über die Kamera nach.
Ich sah etwas. Blieb stehen. Nahm die M hoch. Fokussierte, manuell eben. Klick. Und ging weiter. Die Kamera, über deren Sinn ich einige Wochen zuvor noch nachgedacht hatte, war plötzlich einfach da. Nicht als Testobjekt. Nicht als meine luxuriöseste Leica. Nicht als Kamera, deren Kauf ich irgendwie rechtfertigen musste. Sondern, als meine Kamera.
Ich behalte meine M EV 1
Damit ist die Geschichte eigentlich erzählt. Ich hatte dieses Experiment begonnen, um eine Entscheidung zu treffen.
Behalten oder verkaufen?
Heute wirkt diese Frage überraschend weit weg. Natürlich behalte ich meine M EV1. Nicht weil sie mehr kann als meine Q3 43. Das tut sie nicht. Nicht weil sie vielseitiger wäre als meine SL3-P. Das ist sie ganz sicher nicht. Und auch nicht, weil ich inzwischen glaube, dass man eine Leica M braucht, um bewusster zu fotografieren. Ich denke, das braucht man nicht. Der Grund ist viel persönlicher.
Ich mag, was mit mir passiert, wenn ich mit ihr fotografiere.
Ich werde langsamer. Ich schaue länger. Ich gehe näher hin. Ich akzeptiere Dinge im Bild, die ich früher vielleicht entfernt hätte. Und ich entdecke immer häufiger Bilder an Orten, an denen ich gar keine gesucht habe.
Die M erweitert nicht meine fotografischen Möglichkeiten.
Sie verändert meine Aufmerksamkeit.
Vielleicht ist das der grösste Unterschied zu meinen anderen Kameras. Und dann ist da noch etwas anderes: Ich liebe es, mit dir auf Entdeckungsreise zu gehen. Sie in den Händen zu halten. Mit ihr zu arbeiten.
Und vielleicht erklärt es auch, weshalb mich die Frage nach einem 50mm Summilux inzwischen so verdächtig häufig beschäftigt.
Aber das ist eine andere Geschichte. 😉
Als ich nach unserem ersten Date vor meinem Simmentaler Bier sass, schrieb ich:
Ich suchte nicht mehr nach Bildern.
Ich begann, sie zu sehen.
Damals dachte ich, dieser Satz beschreibe einen schönen Nachmittag. Heute weiss ich, dass er die Geschichte dieser vier Dates erzählt. Ich wollte herausfinden, ob meine M bleiben darf. Stattdessen habe ich herausgefunden, warum ich mit ihr fotografieren möchte.
Und irgendwo zwischen einem Bier, M-COOL, einigen Bildern dazwischen, meinem Schatten auf einem Solarpanel und einem Spaziergang mit Mabel ist es passiert.
Ich habe mich in meine Leica M EV1 verliebt. ❤️
