Zwischen Backstein und neuer Zeit
- Daniel Kneubühl

- vor 18 Stunden
- 4 Min. Lesezeit
Bernapark - wo die Erinnerung Raum bekommt
Es gibt Orte, die nicht laut sind. Und trotzdem erzählen sie mehr als ganze Städte. Der Bernapark in Stettlen ist so ein Ort.
Ich stehe zwischen Backsteinmauern, die schon lange vor mir da waren.Sie tragen Spuren von Arbeit, von Maschinen, von einem Alltag, der längst verschwunden ist – und doch noch irgendwo zwischen den Fugen weiterlebt.
Hier war einmal die Kartonfabrik Deisswil.Ein Ort der Produktion, der Bewegung, der industriellen Klarheit.
Heute ist es stiller. Aber nicht leer. Im Gegenteil. Hier wird wieder gelebt.

Menschen wohnen in den alten Mauern. Licht brennt hinter grossen Fenstern. Auf Balkonen stehen Pflanzen, die sich dem Himmel entgegenstrecken.
Ateliers sind entstanden. Räume, in denen Ideen wachsen. In denen gestaltet, gedacht, gelernt und ausprobiert wird.

Es gibt Arbeitsplätze. Kleine Unternehmen, kreative Köpfe, Begegnungen im Alltag.
Und auch das Alltägliche hat hier seinen Platz gefunden.
Ein Italiener – La Famiglia – wo Stimmen leise durcheinander fliessen und es nach Süden riecht.
Ein Japaner – Tanaka – klar, reduziert, fast so ruhig wie die Architektur selbst.
Das Bistro Kraftakt – ein Ort für eine Pause, für Gespräche, für einen Moment dazwischen.
Die Bäckerei mit Café – Reinhard – frischer Duft von Gipfeli und Kaffee am Morgen, ein kurzer Moment zum Ankommen. Und gleich daneben ein Coop, unscheinbar vielleicht – und doch Teil dieses neuen Lebens. Dazu kommen Bewegung und Körperbewusstsein: Fitnessräume, in denen Energie spürbar wird. Beauty-Angebote, die sich um das kümmern, was im Alltag oft zu kurz kommt. Die Eventhalle bringt Bewegung zurück. Menschen kommen zusammen, tauschen sich aus, feiern, hören zu.

Dazwischen entstehen leise Momente: ein Gespräch auf einer Treppe, ein Kaffee in der Sonne, ein kurzer Blick durch ein offenes Fenster. Und irgendwo zwischen all dem ist die Vergangenheit noch spürbar. Nicht als Erinnerung – sondern als Teil von dem, was heute hier ist.

Ein Blick zurück
Die Kartonfabrik Deisswil wurde im 19. Jahrhundert gegründet und entwickelte sich über Jahrzehnte zu einem bedeutenden Industriebetrieb in der Region Bern. Hier wurde Karton produziert – ein Werkstoff, unscheinbar und doch überall präsent.Verpackungen, Transport, Alltag. Dinge, die man kaum beachtet, die aber alles zusammenhalten.

Die Fabrik war ein Ort der Arbeit. Schicht für Schicht. Jahr für Jahr.
Bis sich die Welt veränderte.
Die Produktion wurde eingestellt. Maschinen verstummten. Was blieb, war die Hülle – und die Frage, was daraus entstehen könnte.

Zwischen Vergangenheit und Gegenwart
Heute ist der Bernapark kein verlorener Ort mehr. Er ist neu gedacht.
Ateliers, Wohnungen, kleine Unternehmen, Räume für Begegnung.Ein Stück Stadt im Kleinen – gewachsen aus etwas, das eigentlich abgeschlossen war.
Und genau das spürt man.
Die Architektur wurde nicht glattgebügelt.Sie durfte bleiben.
Backstein bleibt Backstein.Fenster erzählen noch von früher.Und das Licht fällt genau gleich durch die Räume wie damals – nur trifft es heute auf ein anderes Leben.

Auf der Suche nach der Schärfe

Dieses Bild ist für mich mehr als nur eine Komposition aus Linien.
Es war ein Moment, in dem alles zusammenkam.Der klare Himmel. Die grafische Strenge der Treppe.Diese fast schon zeichnerische Ruhe.
Ich habe abgedrückt – im Gefühl, genau jetzt stimmt es.
Und doch…beim späteren Betrachten bleibt dieses leise Zögern.
Die Schärfe ist zwar da. Aber nicht ganz dort, wo ich sie innerlich gesetzt hatte. Vielleicht ein paar Zentimeter daneben.Vielleicht nur ein Hauch.
Und genau das ist diese Leica M EV1. Ich kann nun also bestätigen, was mir erfahrene Fotografen gesagt haben: Man muss sich das manuelle Fokussieren antrainieren.

Es ist kein technischer Vorgang. Es ist ein Gefühl, das wachsen muss. Manche Bilder gelingen im Moment – und verlieren beim zweiten Blick einen kleinen Teil ihrer Kraft. Nicht, weil sie schlecht sind. Sondern weil sie zeigen, wie fein dieser Grat der Schärfe ist. Und es wird mir erst so richtig bewusst, seit ich manuell fokussiere. Es ist ein Mix zwischen sehen und wirklich treffen.
Und trotzdem – oder vielleicht genau deshalb – bleibe ich dran. Es ist eine besonders schöne Art zu fotografieren mit der Leica M EV1.
Denn jedes dieser Bilder bringt mich näher. Nicht nur zur Schärfe. Sondern zu einem bewussteren Sehen.
Mein Moment dort
Ich gehe langsam durch die Anlage. Mit der Kamera in der Hand – aber ohne Eile. Hier geht es nicht um das grosse Bild. Es sind die Linien. Die Strukturen. Die Übergänge zwischen alt und neu. Der Bernapark fasziniert, wie auch schon die Kartonfabrik aus der Distanz fasziniert hat.
Ein Schatten auf einer rauen Wand. Ein Fenster, das mehr Tiefe hat als erwartet. Eine schöne Beleuchtung vor einem tollen Restaurant. Ein Detail, das plötzlich alles erzählt. Ich merke, wie ruhig ich werde. Wie glücklich ich in diesem Moment bin. Ich erkunde mit meiner Leica M EV1 den Bernapark. Als würde dieser Ort sagen: Du musst nichts suchen. Es ist alles schon da. Du musst nur die Augen öffnen.

Mein Schlussgedanke
Vielleicht sind es genau solche Orte, die uns erinnern, dass nichts wirklich verschwindet. Es verändert sich nur. Und wartet darauf, neu gesehen zu werden. Und vielleicht geht es genau darum, immer wieder stehen zu bleiben. Genauer hinzuschauen. Nicht nur zu sehen, was offensichtlich ist – sondern das, was sich erst zeigt, wenn man sich Zeit nimmt.
Ich bin immer wieder fasziniert, wie viel da ist, wenn wir bereit sind, wirklich hinzusehen. Strukturen. Spuren. Geschichten. Momente, die sonst einfach vorbeiziehen würden. Es braucht nicht viel. Kein ferner Ort. Keine grosse Reise.
Manchmal genügt ein Schritt vor die eigene Tür – und ein Blick, der etwas länger verweilt. Das ist die Faszination der Fotografie, leidenschaftlich, mit Herz und Seele.












