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Wien - Räume der Geschichte und der Gegenwart

  • Autorenbild: Daniel Kneubühl
    Daniel Kneubühl
  • 10. Apr.
  • 7 Min. Lesezeit

Die Sonne meinte es gut mit uns an diesem Ostermontag. Sie stand hell über Wien, fast schon grosszügig – und doch lag in der Luft diese kühle Note, die einen sofort wissen lässt: Du bist nicht mehr in der Schweiz (denn dort ist es aktuell schon fast ein bisschen Sommer). Hier herrscht Kontinentalklima.


Wir sind durch die Stadt gegangen, ohne Eile. Nicht auf der Jagd nach Sehenswürdigkeiten, sondern auf der Suche nach Momenten. Oder vielleicht eher: offen für das, was sich zeigen wollte.


Dazwischen Begegnungen mit der Familie. Herzlich. Vertraut.

Gutes Essen, ehrliche Gespräche, ein Lachen, das ein wenig länger nachklingt als sonst.


Fotograf mit seiner Leica Q3 43 in Wien
Mit meiner Leica Q3: Im perfekten Element als leidenschaftlicher Fotograf.

Und immer wieder – fast beiläufig – meine Kamera in der Hand. Die Leica Q3 mit ihren 43mm. Unaufgeregt. Präzise. Einfach ein wundervolles Gefühl, damit zu fotografieren. Es wurde mir einmal mehr bewusst: Es war DER richtige Schritt, in die Leica Welt einzutauschen.


Und die 43mm sind genau richtig für diese Stadt.




Wien hat ja so seinen eigenen Schmäh. Nicht laut, nicht aufdringlich. Eher ein leises Augenzwinkern, irgendwo zwischen Charme und einem Hauch Melancholie. Man spürt ihn in den Gassen, in den Schatten zwischen den Häusern, in einem kurzen Blick, der mehr sagt als viele Worte.


Und genau diese Momente sind es, die ich festhalten wollte.


Eindrücke.

Still. Reduziert. Echt.


Ein paar davon möchte ich hier zeigen. Nicht als Erklärung von Wien – sondern als mein persönliches Gefühl dieser Tage. So, wie ich die Stadt gesehen habe.

Ostermontag im 1. Bezirk

An diesem Ostermontag war das Licht besonders. Es fiel nicht einfach in den Raum – es legte sich darüber. In Schichten. Warm, weich, fast tastend.


Ich spielte mit meiner Kamera. Mit meinen Motiven. Die Bilder, die dabei entstanden sind, sind keine klassischen Wien-Bilder. Sie zeigen keine klassischen Touristenbilder, keine klaren Linien, keine eindeutigen Geschichten.


Und doch ist Wien darin. Vielleicht sogar mehr als in jeder Postkarte.


Fragmente von Architektur tauchen auf – Bögen, Ornamente, Strukturen. Fast wie Erinnerungen an die Stadt, die sich in den Moment hineinmischen. Dazwischen Bewegung, Stoff, Haare im Licht.

Etwas Persönliches. Etwas sehr Nahes.


Ein bisschen Wien.

Ein bisschen Schmäh.

Ein bisschen Gefühl.

Und ganz viel dazwischen.



Zwischen Schaufenstern und Augenblicken: die Mariahilfer Strasse


Am Dienstag nach Ostern wurde Wien ein wenig lauter. Nicht hektisch – das wäre nicht Wien – aber doch lebendiger, offener, fast ein bisschen verspielt. Die Mariahilfer Strasse zeigte sich im Sonnenlicht.

Klarer Himmel und kühle Luft. Ideal für eine Erkundungstour der Shoppingmeile Wiens.


Ich blieb immer wieder stehen. Wien wäre nicht Wien ohne seine kleinen Geschichten.


Ein Innenhof, eine Passage. Ein Fahrrad, abgestellt, ein zweites daneben. Kopfsteinpflaster, ein paar Stühle, eine Person im Hintergrund. Nichts Spektakuläres – und genau deshalb so vollkommen.


Später dann dieselbe Szene, nur anders. Licht fällt durch die Blätter, Blumen schmücken ein Fahrrad.

Plötzlich wird aus dem gleichen Ort ein ganz neuer Moment. Wärmer. Offener. Fast einladend.


Und dann wieder Brüche.


Eine Fassade, halb da, halb verschwunden. Dahinter eine riesige Baustelle, Konstruktion, Stahl. Da steht effektiv nur noch eine Fassade. Wien zeigt sich eben auch von einer besonderen Seite – und genau das macht es ehrlich.


Zum Schluss ein Blick nach oben. Strukturen, Muster, klare Linien gegen den Himmel.


Und dann noch einmal dieses Spiel der Spiegelungen: Ein Kirchturm, eingefangen in der glatten Oberfläche eines modernen Gebäudes. Vergangenheit im Heute.


Die Mariahilfer Strasse hat noch viel mehr zu bieten, als Geschäfte und Shopping.

Man muss einfach nur hinschauen. Und ich schaue.


Bummel durch den ersten Bezirk


Ein Schriftzug im Schaufenster – „chopard“. Elegant, fast schwebend. Und dahinter, nur als Spiegelung sichtbar, ein Stück Wien, das sich nicht kaufen lässt: Kuppeln, Figuren, Geschichte: Die Hofburg

Alt und neu, ganz selbstverständlich übereinandergelegt.


Ein paar Schritte weiter ein Moment, der mich innehalten liess. Ein Pferd, ruhig, fast würdevoll, in einem Raum aus rotem Licht. Unter der Infrarotlampe. Die Stallungen der Lipizzaner Pferde. Wie eine Szene aus einer anderen Zeit – oder vielleicht aus einem Traum. Wien kann das.


Dann wieder Details.

Eine Laterne vor einer Glasfläche, die mehr zeigt als sie verbirgt. Wir stehen vor dem berühmten Hotel Sacher. Die Torte mag ich nicht, das Gebäude mit den Spiegelungen schon. Spiegelungen, die sich überlagern, Linien, die sich kreuzen.


Und davor steht die Wiener Staatsoper. Das Fenster mit der bronzenen Statue zeigt ein Detail davon.


Das Schloss Belvedere


Das Schloss Belvedere wirkt anders als Schönbrunn. Weniger streng und offener, fast ein wenig leichter. Und: Es ist zu Fuss erreichbar. Vor allem, wenn man 30'000 Schritte geht, wie wir. Wenn wir eine Stadt besuchen.


Vielleicht aber auch weniger streng, weil es nie als kaiserliche Residenz gedacht war. Sondern als Rückzugsort. Als Sommerresidenz für Prinz Eugen von Savoyen – Feldherr, Stratege, und offenbar auch ein Liebhaber der Schönheit.


Belvedere sind zwei Schlösser, verbunden durch einen Garten, der sich sanft den Hang hinaufzieht. Unten das Untere Belvedere, oben das Obere Belvedere. Dazwischen diese Achse, die den Blick führt, ohne ihn festzuhalten.


Wir gehen langsam durch den Garten. Das Wasser im Teich liegt leicht unruhig, vom Wind gezeichnet.


Die Figuren aus Stein stehen still, als hätten sie alle Zeit der Welt.

Und zwischen ihnen bricht der Frühling auf.


Tulpen. Farben. Frühling. Ein leiser Kontrast zur Architektur. Hier wird nichts inszeniert. Und doch wirkt alles komponiert.


Ich bleibe stehen, lasse den Blick wandern. Vom Detail zur Weite, vom Stein zum Licht, von der Geschichte in diesen einen Moment.

Das Schloss Schönbrunn und die Gloriette

Wir sind früh unterwegs. Noch sind nicht viele Menschen beim Schloss Schönbrunn. Wir laufen hoch zur Gloriette. Der Weg hinauf ist kein schneller. Er zieht sich sanft durch den Garten, vorbei an Linien, die fast zu perfekt wirken, als wären sie nicht gewachsen, sondern gedacht. Leider fehlen die Blumen. Die werden erst gesetzt. Diese Woche nach Ostern haben sie damit begonnen. Noch sieht es kahl aus.


Und doch ist da etwas Weiches.


Vielleicht liegt es am Frühling. Vielleicht am Licht. Oder an den Gedanken, die man unweigerlich mitnimmt, wenn man hier geht. Denn irgendwo zwischen diesen Wegen begegnet man ihr. Sissi, Elisabeth von Österreich-Ungarn. Nicht als Figur. Nicht als Bild. Eher als Gefühl.


Eine junge Frau, hineingestellt in eine Welt aus Regeln, aus Erwartung, aus Glanz, der nicht immer leicht für sie war. Sie wollte leben, etwas erleben.


Ich stelle mir vor, wie sie hier gegangen sein könnte. Vielleicht schneller als es sich gehörte.

Vielleicht suchend nach einem Moment für sich.


Als wir oben ankommen, drehe ich mich um. Das Schloss liegt unter uns, in seiner ganzen Ordnung, seiner Schlichtheit und seiner ganzen Klarheit.


Hier oben verändert sich der Blick. Die Weite öffnet sich, die Strenge verliert an Gewicht, und für einen Moment wird alles stiller. Ich stehe da, mit der Kamera in der Hand, und spüre:


Man fotografiert hier nicht nur ein Schloss.

Sondern vor allem auch die Geschichten, die zwischen den Linien liegen.

Der Stephansdom


Man nennt ihn hier einfach den Steffl. Vertraut. Fast wie einen alten Bekannten. Und doch steht er da, seit Jahrhunderten, unerschütterlich im Herzen der Stadt.


Ich trete näher. Nicht, um ihn ganz zu erfassen – das wäre ohnehin unmöglich – sondern um mich in seinem Anblick zu verlieren. Eine wunderschöne Kirche.


In Details. Spitzen, die sich in den Himmel ziehen. Ornamente, die Geschichten tragen, von Zeit, von Wandel, von Beständigkeit. Der Stephansdom, in seiner heutigen Form überwiegend gotisch, begann schon im 12. Jahrhundert. Gewachsen über Generationen, weitergebaut, verändert, wiederhergestellt. Auch nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs.


Vielleicht spürt man genau das. Diese Mischung aus Stärke und Verletzlichkeit. Ich hebe meinen Blick.

Der Südturm – über 130 Meter hoch – ragt in den Himmel, als wolle er ihn berühren.

Und gleichzeitig bleibt alles geerdet.


Neben dem alten Stein plötzlich Glas. Moderne Fassaden, die den Dom spiegeln, ihn aufnehmen, ohne ihn zu verdrängen. Vergangenheit und Gegenwart stehen sich nicht gegenüber.


Ich bleibe stehen.

Nicht lange. Aber lange genug. Denn der Steffl ist kein Ort, den man einfach fotografiert.

Er ist ein Ort, an dem man kurz innehält. Auch wenn es (gefühlt) Tausende von Touristen auf dem Platz hat.



Das Parlament

Es ist etwas Besonderes, wenn sich Türen öffnen, die sonst verschlossen bleiben.

Es war nicht einfach ein Besuch. Es war eine Privatführung.


Die Schritte werden langsamer, fast automatisch.

Als würde die Räume selbst verlangen, dass man ihm mit Respekt begegnet.


Säulen tragen nicht nur das Dach – sie tragen Geschichte.


Der Marmor kühl, das Licht weich, und irgendwo zwischen den Linien liegt eine Spannung.

Hier wird entschieden. Oder vielleicht auch nicht.


Wir gehen durch Räume, die gleichzeitig alt und neu sind. Denn dieses Haus hat zwei Leben:


Erbaut zwischen 1874 und 1883 vom Architekten Theophil Hansen, im Auftrag des Kaisers, inspiriert von der griechischen Antike. Ein bewusster Stil. Demokratie, gedacht in Formen der Antike.


Und dann die Gegenwart. Nach einer umfassenden Renovation (2017–2023) ist vieles neu –

ohne die Seele zu verlieren.


Der Nationalratssaal: modern, hell und klar. Und doch eingebettet in diese historische Hülle. Die Krähen bobardieren das Dach mit Steinen. Keiner weiss warum.


Ich bleibe stehen und stelle mir vor, wie hier diskutiert wird. Leise, vielleicht auch laut. manchmal sicher auch mühsam. Aber auch leidenschaftlich, genau so wie Markus uns die Räume erklärt.


Was mich berührt, ist nicht die Architektur allein. Es ist dieser Gedanke: Dass hier nicht Perfektion entsteht, sondern ein Prozess. Demokratie muss nicht schön, aber ehrlich. Und während ich weitergehe,

mit der Kamera in der Hand, merke ich: Ich fotografiere hier nicht nur Räume, ich fotografiere vor allem Bedeutung.


Das Rathaus


Der Turm des Rathauses in Wien

Später draussen, nur ein paar Schritte enfernt: das Rathaus. Vielleicht das schönste Gebäude Wiens. Erbaut im 19. Jahrhundert, im neugotischen Stil, als bewusste Entscheidung.


Nicht kaiserlich. Nicht kirchlich.

Sondern bürgerlich.


Ein Zeichen dafür, dass die Stadt sich selbst trägt.


Über 150 Meter zieht sich die Fassade, gekrönt vom berühmten „Rathausmann“.


Leider bleibt uns der schöne Platz versperrt. Heute Abend öffnet hier eine kleine Frühlingsmesse "Steiermark".



...und zum Schluss


Zum Schluss bleibt: Ein kleiner Eindruck aus Wiens Kaffeehäusern: Kaffee mit Kuchen.



Wir waren endlich wieder einmal in Wien. Vier Jahre ist es her. Wegen dem Hundeli Rinti haben wir darauf verzichtet.


Wieder einmal durfte ich Orte sehen, die sonst verborgen bleiben. Räume betreten, in denen Geschichte nicht erzählt, sondern gemacht wird. Vom kaiserlichen Glanz in Schönbrunn über die Weite der Gloriette bis hinein in die stillen, gewichtigen Säle des Parlaments – und weiter zum Rathaus.


In Wien ist uns wohl. Hier sind wir zuhause. Seit Jahren schon. Und wir werden wieder kommen.


Fiaker vor der Peterskirche Wien
Fiaker vor der Peterskirche, beim Graben

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