Solothurn - elf Bilder und ein Stück Kindheit

Unterwegs mit meiner Leica M EV1 und dem Summilux 35 mm in der Stadt meiner Kindheit. Dieses Journal widme ich meiner Mutter und meiner Tante – zwei Solothurnerinnen.
Heute bin ich mit meiner Leica in Solothurn unterwegs. Im Kopf habe ich eine kleine Idee: elf Bilder aus der Stadt der 11. Keine Liste, die ich unbedingt abarbeiten möchte. Einfach ein Anlass, genauer hinzuschauen und mich durch die Stadt treiben zu lassen.
Solothurn ist für mich kein beliebiger Ausflugsort. Meine Mutter ist hier aufgewachsen. Als Kind war ich oft bei meinen Grosseltern und durfte viel Zeit hier verbringen. Deshalb verbindet mich mit dieser Stadt mehr als ihre schöne Architektur. Wenn ich heute durch die Gassen gehe, denke ich auch an diese Besuche. Ich bin mit der Kamera unterwegs, aber ein Stück Kindheit ist immer mit dabei.
Solothurn, schön wie eh und je

Die Häuser am Wasser, die Dächer und die grünen Turmspitzen. Dazu ihre Spiegelungen in der Aare. Ein vertrauter Blick, den ich trotzdem gerne fotografiere. Die warmen Fassadenfarben und das Blau von Himmel und Wasser gefallen mir. Dieses Bild darf ganz selbstverständlich farbig bleiben.
Warum eigentlich elf?
Die 11 gehört zu Solothurn. Aber weshalb eigentlich? Einen einzigen, eindeutig belegten Ursprung gibt es nicht. Die besondere Beziehung zu dieser Zahl ist über die Jahrhunderte gewachsen. Schon im 17. Jahrhundert sammelte der Solothurner Stadtschreiber und Chronist Franz Haffner Beispiele dafür.
Solothurn hatte einst elf Zünfte und elf Vogteien. In der traditionellen Reihenfolge der eidgenössischen Stände steht es an elfter Stelle. Das wird gerne mit dem Beitritt als elfter Kanton verwechselt. Tatsächlich wurde Solothurn 1481 als zehnter Stand aufgenommen.
Besonders schön lässt sich die Zahl an der St.-Ursen-Kathedrale entdecken: Drei Abschnitte mit je elf Stufen führen zum Eingang. Dazu kommen elf Glocken und elf Altäre. Die 11 ist hier also mehr als eine nette Geschichte. Sie gehört zum Bauwerk.
Ich mag diese Solothurner Eigenheit. Man hat Freude an seiner Zahl, pflegt sie und findet immer wieder neue Gelegenheiten dafür. Heute mache ich einfach mit.
Solothurn, 11:11 Uhr

Am Bieltor zeigt die Uhr elf Uhr elf. Das passt natürlich wunderbar zu meiner heutigen Idee. Die Uhrzeit gibt dem Bild eine zusätzliche Bedeutung. Ein kurzer Moment, den ich festhalten kann – und der genau in diese Runde gehört.

Später entdecke ich die Hausnummer 11 neben einer prächtigen Holztür. Darüber ein kunstvolles Balkongeländer mit goldenen Verzierungen. Davor stehen Kartenständer voller Postkarten und Glückwünsche.

Diese Mischung gefällt mir. Ein eindrucksvoller historischer Eingang und ganz normaler Ladenalltag. Die bunten Karten gehören dazu. Sie bringen Farbe und Leben vor die alte Tür. Die 11 ist ein kleines Detail, das man erst entdecken muss.
Vertraute Orte, mein heutiger Blick
Die St.-Ursen-Kathedrale gehört für mich zu Solothurn. Ihre Fassade, die Figuren, die Säulen und die grosse Treppe sind beeindruckend. Ich bleibe stehen und nehme mir Zeit für den Ausschnitt. Menschen sitzen auf den Stufen, andere gehen über den Platz. Ein Mann läuft vor mir durchs Bild.

Die Kathedrale gibt dem Bild seine Ordnung. Der Mann im Vordergrund setzt etwas Bewegung dagegen. Mir gefällt, dass dieser prächtige Ort keine leere Kulisse ist. Hier wird gesessen, geschaut und vorbeigegangen. Die Stadt gehört den Menschen, die heute in ihr unterwegs sind.
Ich fotografiere die Kathedrale später nochmals von der Aare aus. Diesmal suche ich einen Blick zwischen Blättern und Ästen hindurch.

Die dunklen Blätter im Vordergrund lassen eine Öffnung frei. Dahinter stehen Kuppel und Turm im Licht. Ich bewege mich ein wenig, suche den passenden Standpunkt und löse aus.
Solche Bilder machen mir Freude. Das Motiv ist bekannt, aber der Ausschnitt ist meine eigene kleine Entdeckung.
Wenn das Licht mitspielt
Beim Zeitglockenturm kommt die Sonne ins Spiel. Sie steht genau am Rand einer Laterne und lässt diese beinahe selbst leuchten. Die Strahlen ziehen über das Bild, der Turm bleibt dahinter sichtbar.

Das Gegenlicht macht die Aufnahme nicht einfacher. Reflexionen entstehen, und ein weicher Lichtschleier legt sich über den Turm. Aber gerade das gefällt mir. Ich möchte die Stimmung dieses Augenblicks behalten und nicht jede Spur des Lichts wegkorrigieren.
Schwarzweiss passt hier für mich. Es lenkt den Blick auf die Laterne, die Strahlen und die Formen des Turms.
Die Stadt steht, das Leben bewegt sich
Vor einer hellen Fassade entdecke ich gestreifte Fensterläden und schräge Schatten. Eine schöne grafische Ordnung. Dann fährt ein Velo vorbei.

Der Velofahrer bleibt als Bewegung im Bild. Die Fassade steht ruhig dahinter. Dieser Gegensatz gefällt mir besonders: klare Linien, feste Mauern und ein Mensch, der kurz durchs Bild zieht.
Es braucht manchmal gar nicht viel. Einen interessanten Hintergrund und etwas Geduld für das, was dazukommt.
Am Baseltor ergibt sich ein anderer Moment. Ein Velofahrer fährt auf den Durchgang zu. Sein heller Rücken hebt sich vor dem dunklen Torbogen ab. Ich löse aus, bevor er darin verschwindet.

Die mächtigen Steinquader und der schräge Schatten hätten auch ohne ihn ein schönes Motiv ergeben. Mit ihm erzählt das Bild mehr. Das alte Tor wird durchfahren und benutzt. Es ist Teil des heutigen Lebens.
Ich mag den Grössenunterschied zwischen dem Bauwerk und dem Menschen. Das Tor steht seit langer Zeit hier. Der Velofahrer ist nur für einen kurzen Moment an dieser Stelle.
Am Aareufer schaue ich auch nach unten. Ein paar Herbstblätter liegen auf dem Pflaster. Ich gehe mit der Kamera tief hinunter und stelle auf die Blätter scharf. Die Stadt dahinter verschwimmt.

Hier bekommen die kleinen Dinge die Hauptrolle. Solothurn bleibt im Hintergrund erkennbar, ohne jedes Detail zeigen zu müssen.
Dieses Bild bleibt farbig. Das warme Laub vor dem kühlen Wasser und Himmel erzählt von diesem Herbsttag. Ein anderer Blick auf die Stadt – und einer, den ich besonders gerne mag.
Elf Bilder, mein Solothurn
Zum Schluss richtet sich mein Blick nochmals über die Aare. Über den Dächern steht die Kathedrale, darüber ziehen Wolken. Im Wasser bewegen sich die Spiegelungen.

Ein schöner Abschluss für meine Runde. Nach den Details und den kurzen Begegnungen sehe ich die Stadt nochmals als Ganzes.
Am Ende habe ich meine elf Bilder zusammen. Farbige und schwarzweisse, klassische Ansichten und kleine Beobachtungen. Nicht jedes Bild zeigt eine 11. Das muss es auch nicht. Sie hat meiner Runde eine Richtung gegeben, ohne mich einzuschränken.
Beim Anschauen merke ich, wie gerne ich hier unterwegs bin. Die Aare, die Gassen, die Türme und Tore. Die prächtigen Fassaden und das ganz normale Leben davor.
Als Kind kam ich wegen meiner Grosseltern nach Solothurn. Heute komme ich auch, um zu fotografieren. Die persönliche Verbindung ist geblieben.
Diese elf Bilder sind meine kleine Liebeserklärung an eine schöne Barockstadt, die für mich immer auch ein Stück Familiengeschichte bleibt. Und es ist eine Liebeserklärung an meine Leica M EV1.


