Zwischen Ankunft und Aufbruch
- Daniel Kneubühl

- vor 11 Stunden
- 6 Min. Lesezeit
Ein fotografischer Streifzug durch den Bahnhof Bern
Die Idee zu diesem kleinen fotografischen Streifzug kam von einem Freund.
Er lebt heute mit seiner Frau und ihren zwei Hunden und einer Katze in ihrem Wohnmobil. Ein Leben unterwegs, frei und beweglich. Und doch schaut er ab und zu online in die Berner Zeitung, um zu sehen, was in Bern passiert.
Dabei fiel ihm auf, wie sehr sich der Bahnhof Bern in den letzten Jahren verändert hat.
„Du könntest doch mal ein paar Bilder vom Bahnhof machen“, schrieb er mir.
Die Idee gefiel mir sofort. Bahnhöfe sind faszinierende Orte. Orte der Bewegung, der Übergänge, des Wartens und des Aufbruchs. Und gerade der Bahnhof Bern gehört zu den wichtigsten Verkehrsknoten der Schweiz – jeden Tag durchströmt von zehntausenden Menschen.
Also machte ich mich mit meiner Leica Q3 43 auf den Weg.
Nicht auf der Suche nach grossen Motiven, sondern nach kleinen Momenten im Strom der Reisenden.
Ein Treffpunkt und kurzer Moment der Pause

Mitten im Bahnhof, direkt vor dem grossen Generalanzeiger mit den abfahrenden Zügen, stehen diese geschwungenen Holzbänke rund um das bekannte „Treffpunkt“-Symbol.
Menschen setzen sich hier für einen kurzen Moment hin. Manche schauen aufs Handy, andere essen etwas oder warten einfach. Rundherum fliesst der Strom der Reisenden weiter.
Zwischen den Wartenden fällt mir eine Gruppe junger Skifahrer auf. Die langen Skisäcke lehnen an der Bank, die Gesichter wirken erwartungsvoll. Ferienzeit. Ich frage mich, wohin ihre Reise wohl geht. Vielleicht ins Berner Oberland, nach Wengen oder Mürren. Vielleicht weiter ins Wallis, nach Zermatt. Orte, an denen der Schnee unter den Skiern knirscht und der Winter noch einmal ganz gross wird.
Wege unter den Gleisen
Unter den Gleisen beginnt eine andere Welt.

Gänge, Treppen, Unterführungen. Menschen bewegen sich zielstrebig durch diese Räume, jeder mit seinem eigenen Ziel vor Augen. Für einen Moment entstehen Linien aus Bewegung, bevor sich alles wieder auflöst.
Der Bahnhof ist auch ein Netz von Wegen.
Der schnelle Kaffee

Zwischen zwei Zügen bleibt manchmal gerade genug Zeit für einen Kaffee oder ein Stück Brot.
Vor kleinen Bäckereien und Kiosken entsteht ein kurzer Moment des Innehaltens. Menschen treten aus dem Strom der Reisenden heraus, stellen sich kurz an, tauschen ein paar Worte mit der Verkäuferin, greifen nach einem Becher heissen Kaffees oder einem noch warmen Gipfeli.
Vielleicht nimmt die Frau den Kaffee mit in den Zug. Ein paar Minuten Wärme in den Händen, während draussen die Landschaft vorbeizieht. Ein kleines Ritual auf Reisen.
Dann löst sich auch dieser Moment wieder auf. Die Menschen verschwinden zurück im Fluss der Wege – hin zu ihren Zügen, ihren Städten, ihren Geschichten.
Warten auf die Reise

Auf den Perrons wird das Warten sichtbar.
Menschen sitzen nebeneinander auf einer Bank, Koffer neben sich. Manche schauen auf ihr Telefon, andere beobachten einfach das Geschehen. Hinter ihnen leuchten grosse Werbetafeln von fernen Orten und Versprechen neuer Reisen.
Ein Bahnhof ist immer auch ein Ort der Erwartungen.
Wenn Bau und Betrieb nebeneinander fahren

Nur wenige Meter trennen hier zwei Welten. Auf der einen Seite rollt ein Zug ruhig in den Bahnhof Bern ein, bereit für die nächste Fahrt durch das Land. Auf der anderen Seite liegen offene Kabel, provisorische Installationen und frischer Schotter – Spuren einer Baustelle, die noch mitten in der Arbeit steckt.
Zwischen Gleis und Baustelle verläuft eine schmale Grenze aus rot-weissen Absperrungen. Dahinter entsteht Stück für Stück die Infrastruktur, die den Bahnhof in Zukunft noch leistungsfähiger machen soll.
Der Zug fährt weiter, als wäre alles längst fertig.
Gerade das macht diesen Moment so besonders: Während tausende Menschen täglich durch diesen Bahnhof reisen, wird er gleichzeitig weitergebaut – präzise, vorsichtig und fast unbemerkt.
Kleine Signale

Manchmal sind es die kleinen Details, die den Blick fesseln.
Ein rotes Signallicht an einem metallenen Pfosten. Kein Signal für Züge – sondern für Reisende.
Die meisten gehen achtlos daran vorbei. Der Blick ist auf den Zug gerichtet, auf den Fahrplan, auf das nächste Gleis. Doch dieses kleine Licht gehört zu den stillen Helfern des Bahnhofs. Es regelt, warnt, schützt – unauffällig und zuverlässig.
Ein technisches Element, das für Reisende meist unsichtbar bleibt. Und doch ein wichtiger Teil des Systems, das diesen riesigen Verkehrsknoten am Laufen hält.
Wenn man sich einen Moment Zeit nimmt, entdeckt man überall solche Details. Kleine Zeichen der Ordnung im grossen Strom der Bewegung. Sie erzählen leise davon, wie viel Planung, Technik und Präzision nötig sind, damit hier jeden Tag tausende Menschen ihren Weg finden.
Gleis 49/50 – die neuen langen Wege
Am Rand des Bahnhofs liegen die neuen Gleise 49 und 50.
Seit dem 4. November 2019 ist am Bahnhof Bern das verlängerte Perron mit den neuen Gleisen 49 und 50 in Betrieb. Es ist Teil des grossen Umbaus, der den Bahnhof weiterentwickeln soll – und das mitten im laufenden Bahnbetrieb, ohne den dichten Fahrplan auszudünnen.
Für die Reisenden bedeutet das im Alltag vor allem eines: ein paar Schritte mehr. Der Weg zu den hintersten Gleisen ist länger geworden. Doch gleichzeitig wird hier sichtbar, wie sich dieser Ort ständig verändert und anpasst.
Linien aus Beton, Stahl und Schienen führen den Blick weit in die Tiefe des Bahnhofs. Perspektiven öffnen sich, wo früher schlicht ein Ende war.
Hier spürt man besonders deutlich, dass ein Bahnhof nie wirklich fertig ist.
Der Bahnhof Bern wächst – Schritt für Schritt.
Licht und Linien

Wir bleiben noch einen Moment bei Gleis 49/50. Das eine Bild aus der obigen Serie darf ruhig ein eigenes Kapitel einnehmen – so klar und schön wirken hier die Formen. Die neue Passerelle führt über die Gleise und entlastet den Verkehr auf dem Perron darunter. Ein zusätzlicher Weg durch den Bahnhof, ein neuer Blickwinkel auf einen Ort, den viele täglich passieren.
Ein langer Steg zieht sich über die Gleise. Rhythmische Lichtflecken tanzen über den Boden, während sich die Stahlträger in regelmässigen Abständen wiederholen. Linien, Schatten und Perspektiven greifen ineinander, als hätte jemand sie bewusst komponiert.
Für einen Moment tritt das geschäftige Treiben des Bahnhofs in den Hintergrund. Hier wird der Bahnhof plötzlich zu Architektur und Grafik – zu einem Spiel aus Formen, Licht und Struktur.
Ein Ort, an dem man fast vergisst, dass unter einem im Minutentakt Züge ein- und ausfahren.
Architektur der Bewegung

Rolltreppen, Dächer, Brücken und Treppen verbinden die verschiedenen Ebenen des Bahnhofs. Von der grossen "Welle" über den Gleisen führt der Weg hinunter zu den Perrons, weiter durch Passagen, wieder hinauf zu neuen Übergängen.
Alles ist miteinander verwoben. Wege kreuzen sich, Ströme von Menschen teilen sich auf und finden doch immer wieder zusammen.
Menschen bewegen sich durch diese Strukturen wie Teil einer grossen Choreografie. Manche gehen schnell, fast im Laufschritt oder getragen von der Rolltreppe.
Ein ständiges Kommen und Gehen. Ein ruhiger Rhythmus aus Ankommen und Weitergehen.
Zwischen Gegenwart und Baustelle
Der Blick auf dieses Perron zeigt den Bahnhof Bern in seiner besonderen Übergangsphase.

Im Vordergrund das moderne Perron mit seinem geschwungenen Dach – klare Linien, neue Materialien, Menschen, die ihren Weg zum Zug finden.
Nur wenige Meter dahinter steht eine schlichte Trennwand. Dahinter liegt die Baustelle, ein weiterer Abschnitt dieses Bahnhofs, der noch im Werden ist. Kabel, Gerüste, provisorische Strukturen – ein Blick hinter die Kulissen der grossen Veränderung.
Und noch weiter hinten fährt ein Zug der BLS vorbei. Der Betrieb läuft weiter, als wäre alles längst fertig. Neu, Baustelle und laufender Betrieb begegnen sich hier auf engem Raum. Kein Bruch, sondern ein Gleichgewicht.
Der Bahnhof verändert sich – und funktioniert trotzdem jeden Tag weiter. Genau das macht seine stille Stärke aus.
Blick hinter die Kulissen
Wer auf dem Perron auf seinen Zug wartet, sieht manchmal mehr als nur Gleise und Züge. Zwischen Stahlträgern und provisorischen Öffnungen gibt der Bahnhof einen kurzen Blick hinter seine Kulissen frei.

Dort arbeitet eine andere Welt.
Baumaschinen stehen im Halbdunkel unter den schweren Stahlplatten. Arbeiter in leuchtenden Farben bewegen sich zwischen Kabeln, Gerüsten und frisch aufgeschüttetem Schotter. Der Boden ist aufgerissen, Strukturen sind sichtbar, die sonst verborgen bleiben.
Für einen Moment schaut man in das Innere des Bahnhofs – dorthin, wo gerade gebaut, verstärkt und vorbereitet wird.
Während auf dem Perron Menschen auf ihre Züge warten, entsteht hier Schritt für Schritt der Bahnhof von morgen.
Zwei Welten, nur durch eine Wand getrennt – und doch Teil desselben lebendigen Systems.
Ein letzter Blick
Als ich den Bahnhof wieder verlasse, fliesst der Strom der Menschen weiter, als wäre nichts gewesen.
Züge kommen an, Türen öffnen sich, Koffer rollen über den Boden. Menschen verschwinden in Unterführungen oder tauchen aus ihnen wieder auf. Für viele ist dieser Ort nur eine kurze Zwischenstation auf ihrem Weg.
Für mich war er heute ein Ort zum Beobachten.
Ein paar Stunden mit der Kamera reichen, um zu merken, wie viele kleine Geschichten hier jeden Tag entstehen. Manche dauern nur Sekunden – ein Blick, ein kurzer Moment des Wartens, ein Schritt in Richtung Zug.
Vielleicht ist genau das das Faszinierende an einem Bahnhof.
Er ist nie fertig erzählt.
Mit jedem Zug beginnt wieder eine neue Geschichte. Und irgendwo zwischen Ankunft und Aufbruch entstehen immer wieder Bilder. Menschen kommen an, gehen weiter, treffen sich oder verschwinden wieder im Strom des Alltags.
Und genau in diesen kleinen, flüchtigen Momenten entstehen manchmal die interessantesten Bilder.
















