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Das verborgene Herz der Regatta

  • Autorenbild: Daniel Kneubühl
    Daniel Kneubühl
  • vor 2 Tagen
  • 6 Min. Lesezeit

Zwischen Technik, Crew und verborgenen Wegen


Heute durfte ich eine Welt entdecken, die Gästen normalerweise verborgen bleibt. Eine Welt hinter Türen, durch die man sonst einfach vorbeigeht. Und ich kann schon jetzt sagen: Dieses Erlebnis war eines der faszinierendsten dieser ganzen Reise.


Denn plötzlich sieht man ein Kreuzfahrtschiff nicht mehr einfach als schönes Hotel auf dem Meer. Sondern als eine kleine schwimmende Stadt. Voller Menschen, Technik, Organisation und unzähligen Abläufen, die Tag und Nacht ineinandergreifen.


Die Bordküche

Wir starteten dort, wo jeden Tag ein grosser Teil des Bordlebens entsteht: in der Küche.

Schon beim Betreten spürt man sofort die besondere Atmosphäre. Edelstahl. Licht. Konzentration. Bewegung. Und trotzdem keine Hektik. 67 Menschen aus unterschiedlichen Ländern arbeiten hier auf zwei Etagen, meist im 24 Stunden-Betrieb.


Hier unten wird Tag für Tag für Hunderte Gäste und Crewmitglieder gekocht, vorbereitet, gebacken und organisiert. Das meiste entsteht in dieser zentralen Küche und wird anschliessend auf die verschiedenen Restaurants verteilt — ins Polo Grill, ins Toscana oder auch ins Terrace Café. Zusätzlich besitzen die Spezialitätenrestaurants noch kleinere eigene Küchen für die letzten Handgriffe und das Anrichten.

Besonders beeindruckt hat mich die Präzision. Während an einer Station Fleisch vorbereitet wird, schneiden andere Gemüse, formen Gebäck oder richten bereits Speisen an. Alles greift ineinander wie ein Uhrwerk.



Und trotzdem wirkt vieles erstaunlich handwerklich. Keine anonyme Massenproduktion. Sondern echte Arbeit. Menschen, die mit Konzentration und Stolz ihre Aufgaben erfüllen.



Executive Chef
Kevin, Executive Chef der Oceania Regatta

Kevin, der Executive Chef der Regatta, führte uns durch die verschiedenen Bereiche.


Man spürte sofort seine Leidenschaft für Qualität und Organisation. Und plötzlich denkt man beim nächsten Dinner ganz anders darüber nach, was hinter einem perfekt servierten Teller eigentlich alles steckt.



Butler der Oceania Regatta

Auch für die Butler existiert ein eigener Bereich innerhalb dieses riesigen Systems. Von dort aus werden Bestellungen für die Suiten organisiert, vorbereitet und koordiniert.


Unsichtbar für uns Gäste — und doch ein wichtiger Teil dieses schwimmenden Kosmos.










Präzision bis ins kleinste Detail

Je länger wir in der Küche unterwegs waren, desto mehr wurde mir bewusst: Hier wird nichts dem Zufall überlassen. Wirklich nichts. Besonders faszinierend war deshalb der Moment, als uns Executive Chef Kevin das digitale Rezeptsystem der Regatta zeigte.



Bildfolge: Auf grossen Bildschirmen erscheinen dort sämtliche Gerichte des Schiffes — inklusive Fotos, Zutatenlisten, Mengenangaben, Arbeitsschritten und Präsentation auf dem Teller in der Küche (Bilder oben und links unten, rechts unten, was ich dann als Gast serviert erhalte). Alles exakt dokumentiert und organisiert. Und plötzlich versteht man, weshalb die Qualität auf einem solchen Schiff so konstant hoch bleibt.


Ein Gericht ist hier nicht einfach „ein bisschen nach Gefühl gekocht“. Jede Zutat, jede Menge und sogar die Anrichtung sind genau definiert. Von der Vorspeise bis zum Dessert.


Mich faszinierte dabei vor allem die unglaubliche Detailtiefe. Selbst bei einem scheinbar einfachen Gericht sieht man genau welche Zutaten verwendet werden, in welchen Mengen, wie sie vorbereitet werden und wie das fertige Gericht später aussehen soll. Fast wie eine Mischung aus Kochbuch, Qualitätskontrolle und Logistikzentrale.


Und genau hier wurde mir nochmals bewusst, wie komplex die Versorgung eines Schiffes mitten auf dem Ozean eigentlich ist. Denn anders als ein Restaurant an Land kann die Regatta nicht einfach kurz etwas nachbestellen und liefern lassen. Alles muss geplant werden. Präzise. Vorausschauend. Für Tage und Wochen im Voraus.


Gleichzeitig arbeiten hier Menschen aus unterschiedlichsten Ländern und Kulturen zusammen. Dieses digitale System sorgt dafür, dass Gerichte unabhängig von Schicht, Restaurant oder Koch immer dieselbe Qualität erreichen.


Besonders spannend fand ich auch die Bilder der angerichteten Speisen. Sie dienen den Köchen als visuelle Referenz, damit die Teller später genau so beim Gast ankommen, wie sie vorgesehen sind. Und so wurde mir gestern Abend im "Polo Grill" die Vorspeise präsentiert:


Oysters Rockefeller on Oceania Regatta
Austern "Rockefeller" (mit einer Buttersauce, fein gehacktem Spinat und Semmelbrösmeli belegt und im Ofen gebacken)

Und plötzlich betrachtet man selbst ein Abendessen mit anderen Augen. Nicht einfach nur als schönes Gericht. Sondern als Resultat aus Planung, Organisation, Erfahrung, Teamarbeit und unglaublich viel Präzision.


Wo die Crew ihre Zeit verbringt

Nach der Küche führte uns unser Weg in den Aufenthalts- und Essensbereich der Crew.


Ellie, eine der Sängerinnen an Bord der Oceania Regatta

Ellie, eine der Sängerinnen an Bord, erklärte uns diesen Ort mit viel Herzblut. Hier essen die Crewmitglieder gemeinsam, tauschen sich aus, lachen oder geniessen einfach einen Moment Ruhe zwischen ihren Einsätzen.


Besonders schön fand ich zu hören, dass für die Crew fast jeden Abend etwas organisiert wird. Musik, Spiele, kleine Veranstaltungen oder gemeinsame Abende. Eine eigene kleine Welt hinter den Kulissen.


Denn während wir Gäste reisen, leben viele Crewmitglieder monatelang auf diesem Schiff — weit weg von Zuhause und ihren Familien.


Vielleicht war genau das einer der schönsten Gedanken dieses Tages: zu erkennen, dass die Regatta nicht nur durch Technik funktioniert. Sondern vor allem durch Menschen.


Der Maschinenraum

Danach ging es weiter dorthin, wo das eigentliche technische Herz des Schiffes schlägt: in den Maschinenraum. Fotografieren war dort streng verboten. Und vielleicht ist das auch gut so.

Maschinenraum

Denn gewisse Eindrücke lassen sich ohnehin kaum mit Bildern festhalten.


Empfangen wurden wir von Ante, dem Chief Engineer, und seinem Stellvertreter. Mit beeindruckender Ruhe erklärten sie uns die Technik hinter diesem schwimmenden Zuhause. Und plötzlich versteht man, was für eine unglaubliche Ingenieursleistung hinter einem solchen Schiff steckt.


Im Maschinenraum geht es längst nicht nur um Motoren. Von hier aus werden auch die elektrische Versorgung, die Wasseraufbereitung und die gesamte Wasserentsorgung überwacht. Grau- und Schwarzwasser werden gereinigt und aufbereitet. Das Grauwasser sogar so stark, dass es theoretisch wieder Trinkwasserqualität erreichen könnte. Faszinierend.


Die Zahlen dahinter sind gewaltig:

Skizze Maschinenraum
Der Maschinenraum auf Deck 1, Mitte links erkennt man die vier Motoren, die die Propeller ansteuern

Ein Motor läuft mit zwölf Zylindern bis zu 5000 Stunden am Stück und leistet rund 6500 PS. Rund 60 Tonnen Treibstoff werden pro Tag benötigt. Die Regatta könnte bei voller Geschwindigkeit ungefähr 15 Tage unterwegs sein, ohne zu tanken. Aktuell fahren wir mit etwa 15 Knoten durch den Indischen Ozean — ungefähr 25 km/h. Also längst nicht mit voller Leistung.




Beeindruckend sind auch die etwa drei Meter grossen Propeller, die sich - als wir auf der Brücke standen - mit 110 Umdrehungen pro Minute drehten. Und die Seitenmotoren für die Hafenmanöver leisten nochmals 1500 PS.


32 Menschen arbeiten alleine in diesem technischen Bereich. Meist unsichtbar für uns Gäste. Und doch sorgen genau sie Tag und Nacht dafür, dass dieses Schiff funktioniert.


Ich verliess den Maschinenraum mit grossem Respekt. Vor der Technik. Aber noch mehr vor den Menschen dahinter.


Die Brücke - das Cockpit des Schiffes

Und dann kam jener Ort, der mich persönlich wohl am meisten faszinierte: die Brücke. Schon beim Betreten spürt man diese besondere Atmosphäre. Ruhe. Konzentration. Verantwortung.


1. Offizier Oceania Regatta

Gabriele, der erste Offizier erklärte uns die verschiedenen Systeme, Instrumente und Abläufe. Navigation, Radar, Wetterdaten, Kommunikation — alles wird hier permanent überwacht. Und trotzdem wirkt die Brücke erstaunlich ruhig. Fast gelassen.


Mich faszinierte diese Mischung aus modernster Technik und menschlicher Aufmerksamkeit. Trotz aller Systeme bleibt am Ende immer noch der Mensch das eigentliche Herz der Navigation.


Leider durfte ich die Navigations- und Steuerungsinstrumente nicht fotografieren. Aber vielleicht war genau das auch schön. Man schaut dadurch bewusster hin.


Besonders spannend war auch die Begegnung mit Adina, einer jungen Offizierin, die gerade im Einsatz stand. Ihre Aufgabe ist es, den Kurs der Regatta laufend zu überwachen und bei Bedarf wegen Wind oder Strömung kleine Korrekturen vorzunehmen.


Offizierin auf der Brücke der Oceania Regatta
Adina, diensthabende Offizierin auf der Brücke

Von der Brücke aus blickt man direkt über den Bug hinaus auf die unendliche Weite des Indischen Ozeans. Und plötzlich fühlt man sich klein. Sehr klein sogar.


Ich durfte auch kurz in den Aussenbereich der Brücke hinaus. Das war besonders beeindruckend, denn dort befindet sich teilweise sogar ein Gitter- und ein Glasboden. Während der Hafenmanöver ermöglicht er den Offizieren den direkten Blick nach unten entlang der Bordwand — für präzise Manöver auf engstem Raum.



Spätestens dort oben wurde mir bewusst, mit welcher Präzision und Verantwortung ein solches Schiff geführt wird.


Ein kurzes Praktikum


Navigationsoffizier Daniel Kneubühl auf der Oceania Regatta
Ich würde mich doch noch gut machen als Navigationsoffizier auf diesem Schiff

Und ja — für einen kurzen Moment fühlte ich mich selbst ein bisschen wie ein Navigationsoffizier. Mit dem Fernglas in der Hand stand ich auf der Brücke und blickte hinaus auf den Horizont. Natürlich weiss ich, dass moderne Schiffe längst mit hochpräziser Technik navigieren. Und trotzdem hat dieser Blick durchs Fernglas noch immer etwas wunderbar Seefahrerisches. Captain auf einer Oceania — ich glaube, das würde mir ebenfalls gefallen. Diese Mischung aus Verantwortung, Technik, Navigation und dem Unterwegssein auf den Weltmeeren liegt meiner Leidenschaft als Pilot erstaunlich nahe.


Vielleicht steckt tief in uns Menschen noch immer diese alte Sehnsucht nach dem Meer. Nach dem Unterwegssein. Nach dem Horizont.


Mit anderen Augen

Als wir später wieder zurück auf die Passagierdecks gingen, sah ich die Regatta plötzlich mit ganz anderen Augen. Nicht nur als elegantes Kreuzfahrtschiff. Sondern als ein faszinierendes Zusammenspiel aus Menschen, Technik, Verantwortung und Leidenschaft.


Vielleicht war genau das einer der faszinierendsten Gedanken dieses Tages: Hinter der Eleganz und Leichtigkeit einer Kreuzfahrt steckt ein gigantisches System, das Tag für Tag beinahe unsichtbar funktioniert.


Heute durfte ich für einen kurzen Moment das verborgene Herz der Regatta sehen. Dafür bin ich sehr dankbar.


… und die Reise geht gemütlich weiter … 🛳️ 




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